Netznachrichten Kampf um den gläsernen Wähler

Der Wahlkampf in den USA gewährt auch einen Blick in den Status quo des Internets. Und der ist alles andere als schön.

Von Michael Moorstedt

Wenn am heutigen Montag im Bundesstaat Iowa die Vorwahlen zur US-Präsidentschaft beginnen, erlaubt das nicht nur einen Blick auf den Zustand des Internets. Es ist die dritte Präsidentschaftskampagne seit dem Auftauchen der sozialen Medien, und wie schon zuvor kann man an den Strategien der Wahlkampf-Teams mit etwas Verzögerung nachvollziehen, in welche Richtung und mit welchem Tempo sich das Netz gerade entwickelt.

Waren es 2008 die graswurzelhafte Vernetzung der Anhänger mittels sozialer Communities (my.barackobama.com) und 2012 vor allem der massenhafte Einsatz von Big-Data-Anwendungen, gibt es 2016 keine großen technischen Neuerungen zu beobachten, sondern vor allem die Etablierung bereits bestehender Technologien.

Es ist kein schönes Bild, das sich da abzeichnet. Wenn eh schon so gut wie jede Äußerung, jedes Bild und jeder verrutschte Gesichtszug zu einem Mem wird, das in Nullkommanichts unzählige Male geremixt wird, scheinen sich die Kampagnenmanager zu denken, könnten sich ihre Schützlinge ja gleich die zweifelhaften Internet-Etikette der Nutzer aneignen.

Und so beharken sich die Social-Media-Teams von Hillary Clinton und Jeb Bush auf Twitter so schnippisch wie unversöhnliche Teenager. Da beleidigt Donald Trump seine Konkurrenten nicht nur live im Fernsehen, sondern auch auf der Streaming-App Periscope. Auch zwischen Clinton und ihrem internen Rivalen Bernie Sanders kracht es immer heftiger. Schließlich liegen die beiden in Iowa Kopf an Kopf. Zuletzt ging es darum, wer bei wem unerlaubterweise Einsicht in mühsam erhobene Wählerdaten genommen hat.

Denn natürlich geht es auch 2016 noch immer vor allem um Daten. Ted Cruz etwa, Republikaner-Senator aus Texas, setzt in seiner Kampagne auf Rezepte, die den Werbestrategien der Online-Marketing-Experten nicht unähnlich sind. "Behavorial Targeting" heißt die Praxis, dem Nutzer Werbung zu zeigen, die zu seinen Interessen und Überzeugungen passt. Dafür hat das Team von Cruz unter anderem eine eigene Smartphone-App im Arsenal, die Zugriff auf so ziemlich alle privaten Daten des Nutzers verlangt. Bis zu 50 000 Datenpunkte kommen in so einem "Enhanced Voter Profile" zusammen: Welche Magazine der Wähler abonniert hat, ob er ein Auto besitzt, welche Vorlieben in Sachen Mode er hat. Ein Algorithmus teilt die Wähler dann in eng definierte Stereotypen ein - vom "stoischen Traditionalisten" bis hin zum "wahren Gläubigen" - und gibt den Kampagnenmitarbeitern gleich noch eine Handreichung, wie sie die Menschen am besten ansprechen sollten. Personalisierte Politik sozusagen. Zumindest, solange der Wahlkampf andauert. Der einsichtigste Kommentar zum Status quo des Internets stammt ausgerechnet vom republikanischen Kandidaten Ben Carson. Der pensionierte Neurochirurg, der bislang vor allem mit kruden Zitaten zu den Pyramiden, Waffengesetzen oder Hitler-Deutschland aufgefallen ist, sagte bei einer Debatte in South Carolina, er erkenne sein eigenes Land nicht mehr. Die Menschen im Internet hätte keinerlei Standards. Nach spätestens "fünf Kommentaren fangen sie an, einander zu beleidigen".