Netzfeministin Anne Wizorek Rassismus geht gar nicht

Sexismus mit Rassismus begegnen, das geht für viele Netzaktivisten gar nicht. "Als ob irgendwer mit Migrationshintergrund mit einem Kerl befreundet sein möchte, der 15 Millionen Menschen (davon die Hälfte Frauen) pauschal Sexismus unterstellt, weil sie ausländische Vorfahren haben", ätzt etwa Bloggerin Fabienne Vespergegen Osterkorn. Sexismus, so sind sich die meisten von ihnen einig, kann man nicht isoliert von anderen Problemen betrachten, sei es nun die Diskriminierung aufgrund von Hautfarbe, Religion, sexueller Orientierung oder Behinderung.

Deswegen haben sich die meisten Netzfeministinnen auch Alice Schwarzers Kampf gegen Kopftücher in Schulen nicht angeschlossen - zu sehr erschien er wie ein pauschaler Angriff auf eine fremde Kultur. In den Streit um rassistische Begriffe in Kinderbüchern schalteten sich zahlreiche Leute aus der Community ein. Sie konnten nicht nachvollziehen, dass manche Feuilletonisten "das N-Wort" verteidigten.

Da lässt der Vorwurf der übermäßigen "politischen Korrektheit" natürlich nicht lange auf sich warten - den die Netzaktivisten lässig kontern. "Wir werden zunehmend sensibler für sprachliche Diskriminierungen - allen voran die Betroffenen. Die halten nämlich nicht mehr den Mund, wenn sie diskriminiert werden", schreibt der Autor Daniel Warwel auf Kleiner Drei, "dann wirft sich der WHM (der weiße heterosexuelle Mann - Red.) an der Kasse des Sprachsupermarktes auf den Boden und brüllt, weil er sich das N-Wort nicht mitnehmen oder ,schwul' nicht als Schimpfwort benutzen darf."

In klarer Sprache macht der Autor deutlich, um was es geht: Die alten Machtstrukturen, in denen heterosexuelle weiße Männer bestimmen, was normal ist, was "lustig" und was "hysterisch", "humorlos" oder "prüde" - sie wackeln gewaltig. Und das nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa, wo sich ähnliche Initiativen bilden, wie die Forbes-Autorin Deanna Zandt in einem Artikel über #Aufschrei schreibt: "Everyday Sexism" in Großbritannien, #assez im französischsprachigen Twitter, #gridala in Italien. "Hier geht es nicht nur um ein paar zeternde Damen, die sich über ihr Schicksal beklagen", schreibt Zandt, "es gibt hier eine weltweite Bewegung von Frauen, die all die Strukturen satt haben, die dafür sorgen, dass Frauen sich nicht frei bewegen können."

Eines haben die jungen Feministinnen schon bewiesen. Ein #Aufschrei kann heute Fernsehsender dazu bringen, ihr Programm zu ändern und große Magazine und Zeitungen dazu, ihm Titelgeschichten zu widmen. Endlich ist in Deutschland eine Feminismus-Debatte entstanden, die nicht nur einigen wenigen Leuten vorangetrieben wird, sondern von vielen. Die sich nicht an Zahlen und Statistiken aufhängt, sondern am tief empfundenen Gefühl vieler Menschen, dass etwas nicht stimmt. Die #Aufschrei-Initiatorinnen haben Frauen vermittelt, dass sie nicht selbst schuld sind, wenn ihnen Schlimmes widerfährt. Sondern dass sich in der Gesellschaft etwas ändern muss. Denn natürlich kann und muss es auch anders gehen zwischen Männern und Frauen. Wie? Auf diese Frage haben Anne Wizorek und ihre Freundinnen sicher noch einige Antworten.

Inzwischen sammeln Netzaktivistinnen Berichte von Frauen auch unter Alltagssexismus.de.