Netzfeministin Anne Wizorek Ich-Perspektive statt Statistiken

Auch andere Bloggerinnen meldeten sich zu Wort, und was sie schrieben, war erschütternd und glaubhaft, gerade weil es aus der Ich-Perspektive erzählt war. "Es ist ein Tabubruch, denn bisher gehörte es sich nicht, solche Erlebnisse an die große Glocke zu hängen", bilanziert Antje Schrupp, eine der bekanntesten feministischen Bloggerinnen. "Zum Thema Aufschrei sind so viele kluge Blogeinträge entstanden", sagt auch Anne Wizorek, "es sind so viele Perspektiven eingeflossen, jede konnte ihre eigene Geschichte erzählen."

Das ist vielleicht die größte Besonderheit der Netzfeministinnen. Sie analysieren gesellschaftliche Missstände nicht nur anhand von Statistiken, sondern berichten von eigenen Erlebnissen, zum Beispiel wie ihnen eine Frauenquote geholfen hat oder wie der Chef sie im Vorstellungsgespräch nach den Familienplänen fragte. Dank #Aufschrei haben sie nun mit ihren Gedanken und Ideen den Weg in die großen Medien gefunden. Die Bloggerinnen sind zumeist Vertreterinnen jener selbstbewussten Generation, die es gewohnt ist, Missstände nicht stillschweigend hinzunehmen.

Nie zuvor hatten so viele junge Frauen eine akademische Ausbildung wie heute, ihnen wurde das Gefühl vermittelt, sie könnten alles schaffen. Und auch die Männer, mit denen sie zur Universität gingen, befreundet sind, entsprechen in der Regel nicht mehr dem typischen Bild des schlechte Witze röhrenden Machos. Keine Frage, unangenehme Situationen auf der Straße hat wohl jede Frau schon einmal erlebt. Doch ansonsten schien es für die meisten ganz gut zu laufen. Auch Anne Wizorek ist in einem solchen Umfeld aufgewachsen, ihre Mutter ist Maschinenbauingenieurin, die Familie lebte in der DDR - "da hatten wir schon immer ein anderes Frauenbild".

Doch mit dem Eintritt ins Arbeitsleben werden viele dieser selbstbewussten jungen Frauen mit einer Welt konfrontiert, in der männlich dominierte Netzwerke und Macho-Spielchen sie ausbremsen - und wo ihnen häufig einfach schon deswegen weniger zugetraut wird, weil sie Frauen sind. Wenn sie etwa ein Projekt leiten und Anrufer dennoch stur am Telefon nach "dem Chef" verlangen.

Männer, ihr könnt das doch besser

Die Lösung dafür sehen die jungen Feministinnen jedoch nicht darin, ihr eigenes Verhalten zu ändern. Nie würden sie - wie es auch Alice Schwarzer in einem Artikel für die FAZ getan hat - eine Verbindung herstellen zwischen Geringschätzung im Job und "weiblicher" Kleidung. Sie setzen stattdessen bei den Männern an. Wenn der Kommilitone, der Freund oder der Partner einen selbstverständlich als vollwertigen Menschen anerkennt, warum soll das dann anderen Männer nicht gelingen?

"Eigentlich haben wir Feministinnen doch das bessere Männerbild", sagt Wizorek, "wir reduzieren Männer nicht auf ihren Penis, sondern gestehen ihnen auch ein Gehirn zu." Sie lächelt, als wollte sie sagen: Ist doch logisch. Und das ist es ja eigentlich auch. Männer haben doch einen Verstand! Von ihrem Gegenüber erwartet Wizorek in cooler Selbstverständlichkeit, dass er zumindest in dieser grundlegenden Frage mit ihr auf einer Linie ist.

Auf eine Anfrage für ein Streitgespräch mit dem FDP-Politiker Wolfgang Kubicki zum Thema "Flirten" reagierte sie auf Twitter mit einem Link auf ein animiertes Bildchen, auf dem die Hauptperson ihrer Lieblingsserie "Buffy, the Vampire Slayer" entrüstet das Gesicht verzieht. "What?" steht darunter. Das Bild drückt aus, wofür Wizorek so eine Anfrage hält: eine verdammt blöde Idee. Immerhin habe Kubicki auf die Sexismus-Debatte mit der Aussage reagiert, er werde in Zukunft keine Journalistinnen mehr im Auto mitnehmen. "Er bestraft also lieber Frauen, als einfach sein Verhalten zu reflektieren - was ist denn von so jemandem zu erwarten?" Wizorek schüttelt den Kopf, ihr Mund wird ein strenger Strich.

Kubicki ist beileibe nicht der Einzige, der die Debatte für seine Agenda nutzt und so die Feministinnen gegen sich aufbringt. Stern-Chef Thomas Osterkorn zum Beispiel leistete sich in der Jauch-Debatte einen Seitenhieb auf "unsere Freunde mit Migrationshintergrund", denen er pauschal sexistisches Verhalten unterstellte. "Da sind die USA schon weiter", sagt Wizorek, "dort würde ein Moderator rassistische Äußerungen nie durchgehen lassen."