Netz-Depeschen Von Machern und Merkern

Krawallarena, Verschwörungstheorien, Schlammschlachten: Theater ist selten Thema im Internet - und wenn, dann kracht's.

Von Christopher Schmidt

Wer wissen möchte, wie mehrheitsfähig Theater wirklich ist, braucht nur ins Internet zu gehen, sollte aber den Sturzhelm nicht vergessen, um den unsanften Aufschlag in der Realität heil zu überstehen. Die Rolle, die Theater im Netz spielt, ist so hintergründig wie die des siebten Zwergs im Märchen. Entsprechend schwierig gestaltet es sich, jenseits der hauseigenen Webseiten der Bühnen selbst, an unabhängige Informationen zu kommen. Für die Online-Dependancen der Zeitungen sind aktuelle Premieren kaum je ein Thema, das die nötige Einschaltquote bringt, und längst nicht alle Print-Medien verlinken ihre Inhalte gratis.

Online oder Offline, das ist hier die Frage. Wenn Harald Schmidt - wie hier im Musical "Hamlet" - die Bühne der Theaterwelt betritt, ist ihm Aufmerksamkeit sicher. Und zwar in beiden Welten der Theaterkritik.

(Foto: Foto: dpa)

Nicht anders verhält es sich bei Fachblättern wie "Theater heute" oder "Theater der Zeit", die ebenfalls ihre Papierausgaben nicht kannibalisieren wollen, jedoch keine Online-Redaktionen unterhalten. Bliebe als Informationsquelle nur noch der Newsletter vom ZDF-Theaterkanal oder der Blog des Berliner Theatertreffens, gäbe es nicht das Internet-Portal nachtkritik.de, das vor zwei Jahren auf Sendung ging. So unausgeschlafen, wie der Name ihrer Netz-Zeitung klingt, sind die vier Initiatoren, Petra Kohse, Esther Slevogt, Dirk Pilz und Nikolaus Merck, keineswegs. Wie listig sich die Nachtkritiker in ihrer Nische etabliert haben, beweisen rund 90 000 Aufrufe der Seite im Monat. Gekrönt wurde der Erfolg von der Nominierung für den Grimme Online-Award 2009.

Möglich ist das alles nur durch Idealismus, Selbstausbeutung und privates Kapital. Denn, wie man im Internet Geld verdient, das wissen auch die Macher von Nachtkritik nicht, abgesehen von einigen Anzeigen und Medien-Partnerschaften. Trotzdem gelingt es den Kollegen an guten Tagen, fünf bis sechs frische Kritiken am Morgen nach der Premiere freizuschalten.

Der Preis für die Aktualität ist hoch: Abgesehen vom geradezu selbstmörderischen Verzicht auf jede Bebilderung, dünnt sich das Themenangebot vor allem in den Sommermonaten immer mal wieder bedrohlich aus. Und nur mühsam gelingt es, jenseits des Rezensionsbetriebs andere Gattungen zu pflegen und Rubriken wie Porträt, Kommentar oder Essay regelmäßig zu bestücken - was zeigt, wie eng die Grenzen gesteckt sind.

Auch bei ihren Autoren dürfen die Berliner nicht allzu wählerisch sein. Um einigermaßen flächendeckend berichten zu können, liefern knapp sechzig ebenso nachtaktive wie genügsame freie Mitarbeiter vor Ort Artikel zu. An reisende Kritiker, deren Urteil sich aus Überblick und Vergleich speist, ist nicht zu denken. Davon profitieren vor allem kleinere und mittlere Theater. Deren Arbeit wird auf den Nachtkritik-Seiten häufiger überregional gewürdigt als im Print-Bereich. Allerdings verbirgt sich hinter dieser Überregionalität nicht viel mehr als ein zentral koordiniertes Netzwerk lokaler Kritiker, von denen man nicht weiß, in welchen Abhängigkeiten sie jeweils stehen. Diese Schwäche wird durch penetrantes "Wir"-Sagen überspielt.

Neben einer täglichen Presse-Rundschau, in denen die Kritiken der Print-Medien zusammengefasst werden, gibt es auf nachtkritik.de auch eine beliebte Krawallarena zur öffentlichen Triebabfuhr. Im Schutz der Anonymität wird in den Kommentarforen ein regelrechter Kulturkampf ausgetragen. Persönliche Diffamierungen werden von den Redakteuren konsequent herausgefiltert, dafür gedeihen hier die wildesten Verschwörungstheorien und finden Schlammschlachten statt, in denen sich die Schreihälse gerne auch gegenseitig an die Gurgel gehen. Daneben entspinnen sich aber immer wieder anspruchsvolle Debatten.

Manche Theaterleute nutzen diese Plattform, um sich Luft zu machen. Doch nur einige wenige wie der Regisseur Falk Richter bekennen sich offen dazu, unter verschiedenen Decknamen ihr öffentliches Bild mittels Eigenlob und Kollegenschelte zu retuschieren. Dass all jene, die unter einem Zuviel, häufiger aber unter zu wenig professioneller Beobachtung leiden, sich mit Hilfe von Nachtkritik revanchieren können und das Verhältnis zwischen Machern und Merkern auf den Kopf stellen, ist so problematisch wie erfrischend. Neben unterhaltsamer Polemik kann der neueste Gossip aus der Szene niemals schaden, um das Theater wieder mehr ins Gespräch zu bringen. Auch wenn dieses auf nachtkritik.de dann doch meist nur ein Selbstgespräch ist.

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