Netz-Depeschen Rascheln, Knittern, Knüllen

Innere Wende: Buch statt Kindle und Brief statt E-Mail. Langsam besinnen sich viele Menschen wieder auf die guten alten Medien.

Von Jean-Michel Berg

Der Beginn eines neuen Jahrzehnts ist oft eine Zeit der Begeisterung und des Aufbruchs - zu Beginn der zehner Jahre scheint aber eher eine Welle der Besinnung durch das Internet zu schwappen. In Anlehnung an die Slow-Food-Bewegung bildet sich eine Slow-Media-Bewegung. Nachdem zuletzt die Kritik daran anwuchs, wie die neuen Medien unser Denken verändern - hierzulande durch den FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher-, tauchen nun Manifeste für einen veränderten Medienkonsum auf.

Ein deutsches Slow-Media-Manifest (www.slow-media.net/manifest) will dem Zeitalter der digitalen Beschleunigung "Inseln der bewussten Langsamkeit" entgegensetzen. Statt der Geschwindigkeit, mit denen Informationen um die Welt brausen, wird ihre Nachhaltigkeit eingefordert. Gegen die frisch erworbene Kompetenz des Multitasking soll die Tugend des "Monotasking" wiederbelebt werden.

Trevor Butterworth fordert ebenfalls in einem Slow-Media-Manifest auf www.forbes.com, den permanenten Konsum von schnell produzierten Online-Häppchen einzustellen und stattdessen "weniger, aber bessere Medien zu konsumieren". Das mentale Junkfoodgemisch aus Blog, Playstation und SMS müsse durch Bücher und physische Begegnungen mit Menschen ausgeglichen werden. Und in der Huffington Post attestiert Elissa Altman, dass bereits eine solche Rückbesinnung zu langsamen Medien in ihrem sozialen Umfeld stattfinde: Schallplatte statt MP3, Brief statt E-Mail, Buch statt Kindle.

Neben den neuen Liebhabern alter Medien gibt es auch jene, die innerhalb des neuen Mediums wieder nahrhafte Kost produzieren wollen. In seinem Slow-Blog-Manifest versucht Todd Sieling das Internet als Werkzeug des Menschen zurückzugewinnen, nachdem es zuletzt eher seine Geißel geworden sei. Verantwortlich dafür macht Sieling die Google-Dynamik: "Blog early, blog often, and Google will reward you." Relevanz werde im Internet durch die Häufigkeit der Äußerungen, nicht durch ihren Gehalt erzeugt. Er fordert eine innere Wende: nicht dem Drang zur Äußerung im Blog nachzugeben, nicht jedes banale Ereignis mit einer ebenso banalen Phrase im Internet zu verdoppeln, sondern den

Gedanken reifen zu lassen: "Was du letzte Woche sagen wolltest, kann auch noch nächsten Monat gesagt werden oder nächstes Jahr." Für eine solche Rückkehr zur Wesentlichkeit müsse man auch in Kauf nehmen, in den Untiefen der Google-Ergebnisliste zu verschwinden.

Wer dagegen gleich den totalen Ausstieg aus der beschleunigten Welt bevorzugt, dem sei die Suicidalmachine der Medienkünstlergruppe moddr empfohlen. Auf Knopfdruck kann man hier seine Mitgliedschaft in sozialen Netzwerken wie Facebook und im Mikrobloggingkosmos Twitter beenden, also seine digitale Existenz auslöschen. Was bleibt ist ein Vermerk über die Anzahl der hinterlassenen Freunde und jene letzten Worte, die man an das Internet richten möchte. Dass diese Anwendung nun unter Androhung von rechtlichen Schritten durch Facebook blockiert wird, lässt allerdings Schlimmes ahnen: Es führt schon lange kein Weg mehr heraus aus dem Internet.