Von Tobias Moorstedt

Nach Latte Macchiato gibt es jetzt auch das Konzert "to go". Der Weblog "La Blogothéque" könnte erstmals den ästhetischen Stillstand der Kunstform Musikvideo aufbrechen.

"To Go" - "Zum Mitnehmen" hat herkömmliche Produkt-Präfixe wie "XXL", "Deluxe" oder "Light" als letztgültiges Verkaufsargument abgelöst. Ein Double-Espresso-Macchiato, neue Filme oder Sozialkontakte - "to go"!

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Es gibt wenige Dinge, die man trotz allgemeiner Miniaturisierung und Mobilisierung noch nicht mitnehmen kann, zu denen man sogar hingehen und auf die man womöglich auch noch warten muss. Das Pop-Konzert etwa ist so eine Dienstleistung. Vielmehr: war so eine Dienstleistung.

Der französische Musik-Weblog La Blogothéque bietet seit einiger Zeit einmal wöchentlich ein Konzert zum Mitnehmen ("Concerts à Emporter") zum Download. Ein Fotograf und Filmemacher mit dem Künstlernamen Vincent Moon überredet Songwriter und Bands, die in Paris einen Tour-Stopp haben, sich der Stadt auch mal ohne Verstärker und Lichtorgel-Unterstützung zu stellen: akustisch, live und ungeschnitten.

Die immer vier Minuten lange Performance kann man sich auf den iPod oder das Mobiltelefon laden. Musik von der Straße für die Straße, für S-Bahn, Fußgängerzone, Transiträume. "Ich erwarte nicht, dass die Zuschauer hoch konzentriert sind", sagt Moon, "es passiert unterwegs ja viel zu viel um einen herum, aber so infiltrieren die Filme die Wirklichkeit der Betrachter. Außerdem spiegelt es die Situation wieder, in der die Konzerte produziert werden."

In den bislang 72 Folgen (geplant sind 100) machen Bands wie Arcade Fire oder The Shins mit, die im vergangenen Jahr immerhin den Madison Square Garden in New York gefüllt haben. The National singen auf einem Segelboot. Jens Lekman tritt in einer leeren Turnhalle auf.

Und Architecture in Helsinki spielen vor einem Wohnblock in der Pariser Vorstadt, besingen den Plattenbau, in dem mit der Zeit immer mehr Gesichter hinter den halbblinden Fenstern auftauchen, bis sich gegen Ende des Songs eine der suburbanen Schießscharten öffnet, und eine Familie beginnt mitzusingen.

Elektronisch-akustische Phänomene wie Weblogs, Download-Plattformen und E-Fanzines haben die Musikindustrie in den letzten Jahren stark verändert. Ihr Einfluss beschränkt sich bislang jedoch auf den Marketing- und Distributionssektor, bzw. den hysterischen Hype- und Hipness-Diskurs.

Während man früher prahlte, eine Band schon "vor ihrem ersten Plattenvertrag live gesehen" zu haben, gehört heute der Satz "Ich habe die schon gehört, bevor Pitchfork sie überhaupt erwähnt hat" zum Standardrepertoire des Musiknerds. La Blogothéque ist der erste Musikblog, der in der Lage scheint, den ästhetischen Stillstand der Kunstform Musikvideo aufzubrechen.

"Musik gehört auf die Straße", meint auch Zach Condon, Sänger von Beirut, über das Projekt "Concerts à Emporter". Condon nahm sich für Vincent Moon sogar ganze zwei Wochen Zeit, und spielte sein gesamtes aktuelles Album, das erfolgreiche "Flying Paper Club Cup", auf den Straßen von Paris.

Condon wandert durch über das Kopfsteinpflaster, singt in das Ansteckmikrophon, neben ihm die Geigerin und ein Akkordeon-Spieler, der Schlagzeuger trommelt auf Garagentore. La Blogothéque reanimiert den Video-Star.

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(SZ vom 21.01.2008/jkr)