Netz-Depeschen (61) Meine Musik ist mir peinlich

Fans von Indie-Musik sind unsicher und faul, die meisten von ihnen leben in Berlin. Besagt zumindest die neue Statistik zu popmusikalischen Vorlieben.

Von Franziska Schwarz

Statistiken werden meist verhöhnt, aber immer gerne gelesen. Deshalb gibt es sie reichlich. Gerade wieder einmal neue zu popmusikalischen Vorlieben.

Für eine kürzlich veröffentlichte Studie der Heriot-Watt-Universität in Edinburgh füllten im Internet 36 000 Teilnehmer einen Fragebogen aus. Die Auswertung ergab unter anderem, dass Hörer von Indie-Musik unsicher und faul sind. In Berlin wird man das nicht gerne hören. Laut der Studie leben nämlich nirgends mehr Indie-Fans als in der deutschen Hauptstadt. Und das Ebay-Magazin hat für seine Herbst-Ausgabe untersucht, wo in Deutschland welche Musik am häufigsten gekauft wird. Die Ebay-Mitglieder bevorzugen demnach in Leipzig Elektro, in Heilbronn Country und im Saarland Death Metal. Kassel bevorzugt Progressive Rock, in Cottbus wird der Free Jazz sehr geschätzt.

Einen Fragebogen brauchte für diese Erkenntnisse niemand anzukreuzen. Die Daten waren natürlich längst vorhanden. Doch das Internet offenbart noch viel mehr als nur das Popmusik-Kaufverhalten nach Postleitzahlen. Die Musik-Community Last.fm legt die tatsächlichen Hörgewohnheiten offen.

Peinlich

Die Webseite hat weltweit schätzungsweise 20 Millionen Nutzer und protokolliert auf Wunsch alles, was diese am Rechner, im Internet oder auf dem iPod hören. Das ist zwar für den privaten Spaß gedacht, doch für Statistiker wäre Last.fm ein Paradies: die Basisdaten wie Alter, Geschlecht und Heimat sind im Profil meist enthalten. Das spart Mühe. Unter http://www.last.fm/group/Stats bieten die Nutzer selbstprogrammierte Statistik-Werkzeuge an. Mittlerweile sind es mehr als 60.

Alter der Fans, Vielseitigkeit der gehörten Musik, "Mainstream"-Faktor - für alles gibt es einen mehr oder weniger guten Algorithmus. Demnach sind Hörer der britischen Band Coldplay durchschnittlich 19 Jahre alt und musikalisch sehr offen, aber auch sehr angepasst. Coldplay gelten immer noch als "Independent" und heben so den "Open-Mind-Index" an. Fairerweise treiben sie auch den Mainstream-Faktor in die Höhe - stärker als alle anderen Musiker oder Gruppen.

Selbst ganze Länder werden bei Last.fm statistisch verglichen. So ähnelt Deutschlands Musikgeschmack am stärksten dem von Österreich, Luxemburg und - an dritter Stelle - Südafrika.

Doch wie alle Statistiken kranken auch diese Kalkulationen an einer systematischen Verzerrung. Die Nutzer sind nicht ehrlich. Sie löschen aus ihrem Profil die Songs, die ihnen schlicht zu peinlich sind. Britney Spears und ihr letztjähriger Hit "Piece of Me" fliegt am häufigsten aus dem Steckbrief. Woher man das weiß? Auch hier führt Last.fm eine gern gelesene Statistik.

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