Die Revolution der Heimarbeit: Ungelernte Digital-Tagelöhner bieten im riesigen Bienenstock namens Internet ihre Dienste feil. Das Prinzip Ausbeutung wird weitergeschrieben und perfektioniert.
Bei dem Objekt PSR J2007+2722 handelt es sich um einen 17.000 Lichtjahre entfernten Neutronenstern im Sternbild Fuchs. Das Wissen um seine Existenz verdankt die Menschheit drei Computerbesitzern aus Deutschland und den USA, die ihre Rechner an das Netzwerk Einstein@Home angeschlossen haben, um dort Daten des Arecibo-Radioteleskops in Puerto Rico auszuwerten. Reiner Forscherdrang treibt die Nutzer an, einen Teil ihrer nicht benutzten Prozessorkapazität der Astronomie zu Diensten zu stellen.
Bild vergrößern
Der Lohn für die neue Heimarbeit, der die Menschen über das Internet nachgehen, reicht kaum aus, um den Internetanschluss zu bezahlen. Auch nicht besser als das Nähen in einer kubanischen Kleinstadt. (© AP)
Anzeige
Crowdsourcing nennt der wortspielverliebte Fachjargon das Prinzip, die Lösung eines Problems einer möglichst großen Masse von möglichst kostenlos arbeitenden Internetnutzern zu überlassen. Mehr als 50.000 Menschen stellen einen Teil ihrer Freizeit dem Projekt Foldit der Universität des Bundesstaats Washington zur Verfügung. In einer Art Videospiel lösen die Teilnehmer die komplizierten Faltvorgänge von Proteinen. Und sind dabei, wie Nature in der vergangenen Woche berichtet, effizienter als Computeralgorithmen.
Das Distributed-Computing der Astronomen oder Foldit sind dabei nur zwei Projekte unter vielen. Nicht immer ist es reiner Altruismus, der Crowdsourcing befeuert. Die Massen arbeiten auch in die eigenen Taschen. Der Versandhändler Amazon bietet mit seiner Plattform Mechanical Turk seit einigen Jahren eine Art Marktplatz, auf dem die ungelernten Digital-Tagelöhner im riesigen Bienenstock namens Internet ihre Dienste feilbieten können. Die sogenannten Human Intelligence Tasks (HIT), für die man sich dort bewerben kann, erfordern kaum geistige Arbeit. Ein Mindestmaß an Mitdenken ist aber doch nötig, deshalb fallen Computer aus.
Aus zweierlei Gründen scheint Grund zur Freude zu bestehen: Zunächst ist da schlicht die beruhigende Tatsache, dass sich der Mensch noch nicht komplett selbst überflüssig gemacht hat. Zum zweiten bieten die repetitiven Aufgaben für den notorisch gelangweilten Menschen der Gegenwart die Möglichkeit, auch noch Geld zu verdienen, in der Zeit, während der er sonst nur Löcher in der Luft produziert hätte. Mancher Kommentator nannte Mechanical Turk oder ähnliche Plattformen wie Elance oder YouGov gar die Revolution der Heimarbeit.
Stewart Mitchell, Autor der britischen Zeitschrift PC Pro, hat diese Behauptungen in der vorigen Woche einem Praxistest unterzogen. Er verdingte sich für einige Tage auf den Seiten von Amazon und seiner Konkurrenz, um selbst herauszufinden, wie viel Geld sich beispielsweise mit dem Zuordnen von Adressen oder dem Beantworten von Fragebögen verdienen lässt. Mitchell wurde schnell ernüchtert. Zumeist waren es Cent-Beträge, die ihm ein einzelner HIT einbrachte. Und natürlich verlangen die Plattformen eine Provision für ihre Vermittlung.
Die Auslagerungstendenzen der globalisierten Wirtschaft scheinen sich im Netz zu reproduzieren. Mehr als ein Drittel der Mechanical-Turk-Arbeiter kommt laut einer Untersuchung der New York University mittlerweile aus Indien. Beinahe die Hälfte der Befragten gab an, mit der Online-Schufterei bei durchschnittlich fünf Stunden in der Woche weniger als fünf Dollar zu verdienen. Das Prinzip Ausbeutung wird im Netz weitergeschrieben und perfektioniert, Mindestlohn ist nur noch eine Legende. Stewart Mitchell schreibt, der Lohn reiche kaum aus, um die heimische Stromrechnung zu bezahlen. Geschweige denn die Kosten für den Internetanschluss.
- Thema
- Netz-Depeschen RSS
- Netz-Depeschen "Der größte Skandal in der Geschichte von Google" 09.08.2010
- Netz-Depeschen Haste mal 'nen Euro? 02.08.2010
- Netz-Depeschen Software kennt keine Moral 26.07.2010
- Netz-Depeschen Im Bilde 19.07.2010
- Netz-Depeschen Denn sie wissen, was wir bloggen 12.07.2010
- Netz-Depeschen Unser Mann in Pjöngjang 28.06.2010
- Netz-Depeschen Die Gedanken sind flach 21.06.2010
(SZ vom 16.8.2010/kar)
Wettmanipulation im Fußball
wieso machen die das? Wenn das stimmt:
"...der Lohn reiche kaum aus, um die heimische Stromrechnung zu bezahlen. Geschweige denn die Kosten für den Internetanschluss"
..dan zahle die doch *drauf*, um arbeiten zu können. Wieso tun sie's dann? Oder kann es etwa sein, das die Recherche des Herrn Mitchell unrepräsentativ der gar unbrauchbar ist? Wie? Ich habe auch gelesen, dass Journalisten quasi mittlerweile auch draufzahlen, für jeden Artikel. Muss sich wohl um so einen handeln.
Mittlerweile scheint die Crowdsourcing-Diskussion also auch bei der Süddeutschen angekommen zu sein. Als Betreiber der Crowdsourcing-Plattform für Design designenlassen.de diskutieren wir im Netz schon seit zwei Jahren dieses Thema. Die Entwicklung der Verlagerung von Dienstleistungsprozessen in das Internet ist nicht aufzuhalten. Unsere Erfahrung lehrt: Wichtig ist es aber, dass die Plattformbetreiber transparente und faire Regeln für den Ablauf des Crowdsourcing-Prozesses definieren und diese überwachen. Dann kann Crowdsourcing zu einer echten Win-Win Situation werden.
Sehr interessanter Artikel.
Die Möglichkeit, die Rechenkapazität des eigenen Rechners für wissenschaftliche Projekte zur Verfügung zu stellen, gab es meines Erachtens auch schon für die genaue Bestimmung für Pi.
Der Kern der Sache ist meiner Meinung folgender: Auf Mechanical Turk gibt es nur Micro-Aufgaben, mit denen nicht viel Geld zu verdienen ist. Dies jedoch gleichzusetzen mit der Möglichkeit, im Internet seinen Lebensunterhalt zu verdienen, ist streibar. Es sind zwei unterschiedliche Ansätze und Zielsetzungen. Auf Vermittlungsplattformen, die es auch in Deutschland gibt, wie twago.de - http://www.twago.de - kann man große Aufträge bekommen und so normal einer guten Arbeit nachgehen und wird dafür bezahlt. Nur die Akquise ist im Vergleich zum Offline-Geschäft unterschiedlich.