Pünktlich zum Bundestagswahlkampf macht sich in der Netzgesellschaft ein neues Unbehagen über die Piratenpartei breit. Wohin rückt der Kurs der digitalen Bürgerrechtsgruppierung?
Der Bundestagswahlkampf geht für die Piratenpartei mit einer Belobigung durch Frank Schirrmacher auf dem FAS-Titel eigentlich durchaus erfreulich zu Ende. Doch zugleich befällt kurz vor der Wahl manchen in der deutschen Netzgesellschaft ein neues Unbehagen, was den Kurs der digitalen Bürgerrechtsgruppierung angeht.
Bild vergrößern
Von der Forderung nach dem Recht auf kostenlose Privatkopien, wie sie die Betreiber der Internetseite "Pirate Bay" forderten, ... (© Foto: oH)
Anzeige
Gleich zweimal innerhalb der vergangenen Woche standen Parteivorstände der Piraten dem umstrittenen Rechts-Blatt Junge Freiheit Rede und Antwort. Der stellvertretende Bundesvorsitzenden Andreas Popp erklärte dazu, er habe sich über das Blatt leider erst nach dem Interview in der Wikipedia informiert - ein wenig schmeichelhaftes Zeugnis in Sachen Suchmaschinenkompetenz.
Der Piraten-Vorsitzende und "Intellektuelle von Format" (Schirrmacher) Jens Seipenbusch ging dagegen in die Vorwärtsverteidigung: "Ich halte es nicht für einen Fehler, mit den Lesern zu sprechen, nur so kann man sie überzeugen." Welche Überzeugungskraft sein Junge Freiheit-Auftritt mit Liebesbekenntnissen zu Frank Zappa und Brasilien entfalten sollten, blieb allerdings unklar.
"Das war's dann auch für mich!", verkündete daraufhin beispielsweise der "Elektrische Reporter" Mario Sixtus seine Abkehr von den Piraten - und gab damit den Tenor in vielen Blogs vor. Von einer "Geisterbahnfahrt" der Uneinsichtigen sprach auch Frédéric Valin angesichts Hunderter "zwischen Opportunismus und Wassollsismus" schwankender Twitter- und Blog-Kommentare der Piraten.
Kritiker im Netz stellen die Auskunftsfreude der Piratenchefs in eine Reihe mit anderen fragwürdigen Vorgängen. Erst nach einigem Zögern hatte sich die Partei im Juli von einem Bundestagskandidaten wegen dessen Nähe zu Holocaustleugnern getrennt. Der Blogger Andreas Rohlfs ist nicht der einzige, der die Wurzel des Problems im technokratisch-ideologiefreien Politikansatz der Internetexperten sieht: "Der einzige Wert der Piratenpartei ist Freiheit. Jede andere Orientierung scheint der Piratenpartei zu fehlen. Deshalb ist jede Meinung und jedes Weltbild gleich viel wert."
Dass die Parteiführung die Offenheit nach wirklich allen Seiten ausdrücklich propagiert, tut dann ihr Übriges. Selbst in den berüchtigten Kommentarspalten des anti-islamischen Hetzblogs "Politically Incorrect" finden sich längst Bekenntnisse zur Piratenpartei.
- Netz-Depeschen Alles nur Elektroschrott? 14.09.2009
- Piratenpartei Die Internet-Romantiker 15.09.2009
- Piratenpartei Technikbegeisterte Demokraten 25.08.2009
- Wahlerfolg der Piratenpartei Aller Welt Feind 08.06.2009
- Netz-Depeschen Geentert und gekentert 10.08.2009
(SZ vom 21.9.2009/rus)
"Doch zugleich befällt kurz vor der Wahl manchen in der deutschen Netzgesellschaft ein neues Unbehagen."
___________
Eingetragener Verein oder nur ein Haken, um den Artikel aufzuhängen ?
Will er erklären, was Suchmaschinenkompetenz ist? Wohl kaum, mehr hat man den Eindruck, dass der Artikelschreiber Herr Hofmann irgendwie und auf Biegen und Brechen gegen die Piratenpartei polemisieren wollte.
Ich konstatiere: die neue Partei hat schon Wirkungstreffer erzielt.
Die alte linke Volkspartei hat die durchs Internet erzeugten neuen Verbraucherinteressen so lange ignoriert, bis es zur neuerlichen Gründung einer Splitterpartei, der Piratenpartei, kam. Und der Piratenpartei steht jetzt das gleiche Schicksal bevor wie der Linken. Sie wird irrational angefeindet, weil die "gute" alte SPD einfach nicht verstehen kann, was da vorgeht.
Aber das ist die beste Wahlwerbung für die Piratenpartei. Je mehr sie von den Alteingesessenen bekrittelt und angefeindet wird, umso interessanter wird sie nicht nur für Jungwähler, sondern auch für die von Herrn Wiefelspütz Abgeschreckten, die gegen einen Big-Brother-Staat, für ein freies Internet und für ein in Gesetzen widergespiegeltes Staatsinteresse am Allgemeinwohl sind.
Und was will uns das Bild sagen? Es stammt aus der Anfangszeit der Bandkassetten als die Musikindustrie die Kampagne ""Home Taping is killing Music" startete, weil sie schon damals das Dahinscheiden der musikalischen Kultur wegen der privaten Kopien heraufziehen sah. Und was passierte? Noch nie gab es so viel Musik, wie in den Jahren danach, und die Wirkung scheint sich durch das Internet noch zu verstärken.
Und was will uns die Bildunterschrift sagen? Da steht: "Von der Forderung nach dem Recht auf kostenlose Privatkopien, wie sie die Betreiber der Internetseite "Pirate Bay" forderten, ..." und dann ... nichts. In Spanien ist die kostenlose Privatkopie Gesetz! Und Spanien ist noch nicht in kultureller Trostlosigkeit versunken! Eine kulturell lebendigere Hochburg wie Barcelona wird man in Deutschland nicht finden.
Herr Hofmann, der Artikelschreiber, hatte viele Emotionen im Blut, aber wenig bis keine Argumente im Kopf. Zumindest finden sich keine im Artikel. Vermutlich kennt Herr Hofmann das Prinzip aus der Kultur, seinem Ressort: Emotionen müssen gefühlt werden und nicht immer benannt. Dann kann es reichen, wenn man dem Publikum mit einer stilisierten Totenkopffahne winkt, um das diffuse Unbehagen zu transportieren.
geben, uns vor dem Überwachungsstaat schützen?
Für mich ist die "alternative" Piratendatei inzwischen nur ein Medienereigniss, das mehr und mehr nur noch lächerlich ist.
Wenn dort nicht ein klarer Grenzstrich zu dem braunen Müll in unserer Gesellschaft gezogen wird und man(n) sich auch z.B. klar gegen Frauenfeindlichkeit positioniert - so wie er in eingen Zirkeln dieses Männerbundes gepflegt wird - dann ist diese Gruppierung endgültig erledigt.
Schade, ich hatte mit ihnen mal symphatisiert.
...diverse SPD- und CDU-Vertreter sowie Michel Friedman, Peter Scholl-Latour, Charlotte Knobloch und Ephraim Kishon, die allesamt der JF auch schon Rede und Antwort standen, sind dann durch ihre sowieso vorausgesetzte Medieninkompetenz entschuldigt?
Nein, man muss die JF nicht gut finden, und man muss es auch nicht gut finden, wenn jemand ihr ein Interview gibt, aber letztlich kommt es auf die Inhalte an, und da gibt es an den Aussagen von Andreas Popp nichts zu beanstanden. Durch ein Interview übernimmt man noch lange nicht die ideologische Position des Gegenübers oder heißt sie gut.
da sieht man wieder wie es mit der oft genannten "toleranz" im linken mainstream aussieht.
wenn einer konservativen wochenzeitung ein interview vom vorsitzenden gegeben wird passt das dem mainstream natürlich nicht. schließlich ist die junge freiheit für diese leute ein rechtsextremes hetzblatt. ich bezweifle dass diese kritiker überhaupt mal die JF gelesen haben. Auf solche leute sollen und können die piraten aber auch besser verzichten. :)
da gibt es andere politische plattformen in denen sich diese leute wohlfühlen.
Paging