Netz-Depeschen Im Namen der Pose

Umberto Eco war wütend auf das World Wide Web - und verstieg sich zum langweiligsten Pauschalurteil, das in Sachen Internetkritik zu haben ist. Seine Kritiker beschimpft er nun als "Taliban".

Von Niklas Hofmann

Umberto Eco war zornig, als er sich Ende April in seiner Kolumne in der Zeitschrift L'Espresso zum Thema Wahrheit im Internet zu Wort meldete. Was ihm, der ja nicht zuletzt ein Nestor der modernen Medienwissenschaft ist, Anlass für interessante Betrachtungen hätte geben können, gerann zum langweiligsten Pauschalurteil, das in Sachen Internetkritik zu haben ist. Eco beklagte, dass das Netz ein "anarchisches Territorium" geworden sei, "wo man alles sagen kann, ohne dementiert werden zu können".

Unvergessen: Die Verfilmung von Umberto Ecos Roman "Der Name der Rose" mit Sean Connery als Franziskanermönch William von Baskerville. Der Autor selbst mag's offenbar auch lieber gedruckt als digital.

(Foto: OBS)

Der Journalist Tommaso Debenedetti, im vergangenen Jahr Mittelpunkt einer Affäre um erfundene Interviews mit Philip Roth, Herta Müller, Gore Vidal und anderen Schriftstellern, hatte offenbar im Namen Umberto Ecos der International Herald Tribune einen Leserbrief geschrieben, in dem er die Nato-Militäraktionen in Libyen scharf kritisierte. Und die Zeitung hatte die Zeilen Anfang April als authentische Wortmeldung Ecos abgedruckt. In denselben Topf warf Eco nun in seiner Kolumne viele andere Internet-Falschmeldungen über ihn und sein Werk. Er habe etwa auf einer katholischen Nachrichtenseite erfahren müssen, dass ein Autor sein Buch mit einem Eco-Vorwort schmücke, das er, Eco, gar nicht verfasst habe.

Unter italienischen Bloggern sorgte Ecos Lamento für Spott und bissige Reaktionen. In seinem Blog Wittgenstein.it antwortete ihm Adriano Sofris Sohn Luca, der die Online-Zeitung Il Post herausgibt: Die genannten Falschmeldungen hätten ihren Ursprung sämtlich in klassischen Medien. Die Kritik sei zudem Zeichen einer gewissen intellektuellen Oberflächlichkeit. Es regiere offenbar der "Wunsch die Realität mit dem eigenen Vorurteil zur Deckung zu bringen".

In der letzten Ausgabe des L'Espresso antwortete nun wiederum Eco den Kritikern. Er habe nur kritisieren wollen, so wie er auch Manzonis "Brautleute", den intensiven Kartoffelanbau oder die Montessori-Erziehung kritisieren würde. Warum dies nun skandalisiert werde, verstehe er nicht. Ihn greife nun die ganz eigene Art "Taliban" an, die das Internet hervorgebracht habe, Menschen, die das Objekt ihrer Verehrung als "heilige und unantastbare Sache" definieren wollten.

Sich solchermaßen zum Opfer erklärend, musste er dann aber doch auch feststellen, dass im Netz Dinge durchaus richtig gestellt werden könnten, sogar eher mit größerem Effekt, als wenn in einer gedruckten Zeitung eine kleingedruckte Richtigstellung erscheine. Da diese Erkenntnis allerdings seinen vorangegangenen Angriff nun endgültig jedes Inhalts entleerte, bleibt nur das etwas traurige Bild zurück, das ein großer Intellektueller abgibt, der in Sachen Internet tatsächlich unter seinem Niveau argumentiert.

Dass man nicht alles glauben sollte, was im Netz steht, ist deswegen noch lange nicht falsch. Der Autor, der sich sein Eco-Vorwort selbst geschrieben haben sollte, meldete sich inzwischen auch zu Wort: Die katholische Nachrichtenseite habe wohl nicht richtig lesen können, und Eco nichts verifizieren wollen. Nie habe er nämlich behauptet, das Vorwort seines Werkes habe Umberto Eco geschrieben. Klipp und klar stehe da: Emberto Uco.