Netz-Depeschen Im freien Fluss

Für Anhänger des Raubkopierens ist er ein Held, für die Unterhaltungsindustrie der Leibhaftige: Das neue Projekt des Piratebay-Erfinders wäre zwischen all dem Wikileaks-Wetterleuchten beinahe untergegangen.

Von Michael Moorstedt

Wer Peter Sunde Kolmisoppi als umtriebig bezeichnet, tut ihm damit nicht gerade unrecht. Die Taten des 32-jährigen Schweden wurden in Vergangenheit durchaus kontrovers wahrgenommen. Für Anhänger freier Gedanken und straflosen Raubkopierens ist er ein Held. Auf Vertreter der Unterhaltungsindustrie, des Big Copyright also, wie man es in den USA bereits nennt, wirkt er eher wie der Leibhaftige. Sunde ist Mitgründer und langjähriger Sprecher des Filesharing-Trackers Piratebay, mit dem Schmeichel- und Micropayment-Dienst Flattr schuf er im Sommer 2010 für zahllose Blogger die Möglichkeit, sich mit ihrer Berufung ein Zubrot zu verdienen.

Der Filesharing-Tracker Piratebay hat die Unterhaltungsindustrie lange auf Trab gehalten - doch sein Erfinder hat noch ganz andere Ideen.

(Foto: ddp)

Den Zeitpunkt der Ankündigung seines neuesten Projekts hat Sunde allerdings schlecht gewählt. Zwischen all dem WikiLeaks-Wetterleuchten wäre seine Idee beinahe untergegangen. Und das, obwohl doch zumindest die Nachbeben der Cablegate-Affäre eng damit zusammenhängen. Seit Tagen wird WikiLeaks durchs Netz gejagt. Zunächst ging der Server in Schweden unter zahlreichen DoS-Attacken auf die Knie. Dann zog WikiLeaks auf die Server von Amazon weiter. Als Julien Assange auch dort einen Platzverweis kassierte, flüchtete er mit seiner Seite schließlich in die Schweiz. Der Provider EveryDNS hatte die WikiLeaks-Domain schlicht abgeschaltet. Wikileaks.org existierte nicht mehr.

Genau an diesem Punkt setzt Peter Sunde an. Das "Domain Name System" (DNS), zuständig für die Auflösung von Domain-Namen in numerische IP-Adressen, ist für ihn einer der größten Schwachpunkte im Internet. Seiner Ansicht nach ist ein dezentrales System notwendig, um insbesondere den Einfluss der USA zu verringern. Die Organisation zur Verwaltung der Namensräume im Internet, ICANN, nominal eine Non-Profit-Organisation, werde von Großkonzernen und Regierungen kontrolliert, die so Druck auf die Betreiber von Webseiten ausüben könnten und auch längst ausüben würden. Laut dem projekteigenen Wiki möchte Sunde die Internet-User so "vom Imperialismus der ICANN" befreien: "Wir wollen ein unzensiertes Internet. Ein zentrales System, das den Fluss unserer Informationen kontrolliert, ist nicht akzeptabel". Erst Ende November waren in den USA mehr als 80 filesharing-orientierte Seiten aus dem Verkehr gezogen worden, indem die Domains beschlagnahmt wurden.

Um dies zu verhindern, will Sunde das Internet als Netzwerk ohne zentrale Knotenpunkte und damit auch ohne mögliche Schwachstellen neu erfinden. Das Problem dabei sind derzeit noch die sogenannten Top-Level-Domains. Die beliebtesten kontrolliert die ICANN: .com, .net, .org, natürlich .xxx und einige andere. Mit der Einführung einer neuen Webseiten-Endung namens .p2p könnten Anfragen an eine lokale DNS-Datenbank weitergeleitet werden und so unabhängig vom Zugriff der ICANN sein. Ob und wann das dezentrale System tatsächlich gestartet wird ist jedoch unklar. Peter Sunde muss wegen Pirate-Bay erstmal eine achtmonatige Haftstrafe antreten, die ein schwedisches Gericht gerade in zweiter Instanz bestätigt hat.