Über den Dienst Flattr kann man im Netz gelesene Texte freiwillig honorieren. Doch hat die Bezahlung von guten Inhalten nach dem Prinzip Almosen eine Zukunft?
Mit Texten im Internet wirklich Geld zu verdienen, ist noch immer fast unmöglich. Die Nachrichtenseiten der großen deutschen Magazine und Tageszeitungen etwa sind bei weitem noch nicht so lukrativ wie ihre Mutterblätter. Die meisten erlösen noch immer gerade einmal die laufenden Kosten. Wenn überhaupt. Und selbst die erfolgreichsten englischsprachigen Zeitungen im Netz, die New York Times und der Londoner Guardian, haben im Internet jeden Monat zwar sechs- bis zehnmal so viele Besucher wie die größte deutsche Nachrichtenseite Spiegel Online, die Einnahmen der Netzangebote sind trotzdem nicht mit denen der gedruckten Ausgaben vergleichbar. Und die Lage für Blogger und Journalisten, die auf eigene Faust im Netz publizieren, scheint dann nochmal aussichtsloser.
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Eine kleine Spende für das Internet? Die Einnahmen von Netzangeboten sind nach wie vor nicht mit denen von gedruckten Zeitungen vergleichbar. Die Branche sucht nach Lösungen. (© AP)
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Die Experimente mit Bezahlsystemen, die es Lesern ermöglichen, Beiträge direkt zu honorieren, werden dementsprechend wachsam beobachtet. In Deutschland liegt die Aufmerksamkeit seit März besonders auf dem schwedischen Social-Payment-Anbieter Flattr. Man kann sich dort registrieren lassen und ein Konto einrichten, auf das man jeden Monat eine frei wählbare Summe Geld einzahlt. Mindestens allerdings zwei Euro. Der Betreiber einer Internet-Seite wiederum kann unter seinen Beiträgen einen Flattr-Knopf installieren. Liest man ein Stück, für das man bereit ist, zu bezahlen, klickt man einfach auf den Button. Am Ende jedes Monats werden die Klicks eines Nutzers zusammengezählt und der Monatsbetrag zu gleichen Teilen an die Urheber der geklickten Inhalte ausbezahlt.
Wirklich reich geworden ist damit bislang natürlich noch kein Blogger. Die Berliner Tageszeitung taz bekam im Juni für ihr gesamtes Angebot im Netz nach eigenen Angaben 5590 Flattr-Klicks und eine Überweisung von 988,50 Euro. In den nun von dem Online-Magazin Carta zusammengestellten deutschen Flattr-Charts des Juli steht die taz mit dem Artikel "Falsche Jubelbilder" von Gereon Asmuth auf dem ersten Platz. Der Blick auf die Zahl der Flattr-Klicks ernüchtert allerdings eher: 219 Leser waren bereit, für das kleine Stück zu bezahlen, das davon erzählt, wie die ARD nach den Wahl von Christian Wulff zum Bundespräsidenten jubelnde Menschen vor dem Reichstag zeigte, aber verschwieg, dass deren Applaus nicht Wulff, sondern dessen Gegenkandidaten Joachim Gauck galt. Ansonsten ist in den Top-Ten noch dreimal der Journalist Stefan Niggemeier mit medienkritischen Beiträgen seines privaten Blogs vertreten, von dem auch schon im Juni zwei der drei meistgeklickten Flattr-Beiträge stammten.
Wer nach strenger und kundiger Kritik der etablierten Medien verlangt, nach Kontrolle der Kontrolleure, ist in den deutschen Blogs und Netzangeboten also nach wie vor genau richtig. Diesen alten Eindruck bestätigen auch die noch jungen Flattr-Charts. Sie zeigen aber eben auch deutlich, dass es auch im deutschen Netz längst Texte und Essays zu Politik, Recht und Gesellschaft, zum Rauchverbot, polizeilichem Machtmissbrauch und Vuvuzela-Tröten gibt, die es verdient haben, beachtet zu werden. Ob deren Bezahlung nach dem Prinzip Almosen eine Zukunft hat, wird sich zeigen.
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(SZ vom 02.08.2010/kar)
Partyzone Flußufer
... zwingt zur eigenen Meinung und Einschätzung des Wertes, sie zwingt die "Hersteller" zur klaren Reflexion über die Güte ihres Tuns. Endlich Schluss mit Starhype und Herdentrieb, mit Umsatzsteuer und Schnäppchenjagd! Ein Hoch auf die Spende!
Mehr oder weniger Neues gleich mit abfällig konnotierten Begriffen zu diskreditieren zeugt nicht gerade von einem offenen Geist. Wenn freiwillige Bezahlung eine Almose ist, was ist dann das „Keine Kohle, keine Zeitung“-Prinzip, das bisher verbreitet war? Erpressung?
Zumindest ist es die Katze im Sack und es ist inhärent unsozial, weil – obwohl es sich um Güter handelt, deren Vervielfältigung nichts kostet – jeder gleich viel zahlen muss, egal, wie viel er verdient. Bei Gütern, die einen Preis haben, der sich aus Materialverbrauch und Arbeitszeit pro Stück ergibt, ist das natürlich nicht zu verhindern, aber diese Art Güter wird auch in Zukunft an Bedeutung verlieren, wenn man nur an die wachsenden Möglichkeiten des rapid prototyping denkt. Also bitte etwas weniger „früher war alles besser“ und etwas mehr Offenheit für Neues, dann klappt's vielleicht auch mit der Rettung der Zeitungen im 21. Jahrhundert. Musik- und Filmindustrie haben ja ganz gut vorgeführt, wie man es nicht macht.
Den Begriff "Almosen" finde ich auch sehr unpassend. Imho hat flattr auch darum so wenige Zahler, weil es nicht sooo bekannt ist und weil (zumindest bei mir) es keine mir gefallende Zahlungsart anbietet.
Aktuell lässt sich noch gar nicht abschätzen, wie erfolgreich flattr sein wird. Zum zeigt sich beim Spenden meist eine anfangs hohe, aber danach sinkende Bereitschaft, zu zahlen - man muss schauen, wie groß dieser Effekt bei flattr sein wird. Zum anderen ist flattr noch in der closed beta. Man muss sich also in eine Warteliste eintragen lassen, um flattr nutzen zu können. Zwar ist die Warteliste kurz, aber so Otto Normalsurfer wird sich dort nicht anmelden wollen. Spannend wird es, sobald sich jeder in Sekunden dort anmelden kann.
Das negativ konnotierte Wort "Almosen" im letzten Satz ist doch bestimmt kein Zufall, oder? Flattr ist ein guter Ansatz, leider kann noch nicht komplett anonym bezahlt werden, beispielsweise per Paysafecard. Wenn das, dann ich auch.
Der Ansatz lässt sich übrigens erweitern. Wenn zum Beispiel auch Leserkommentare geflattrt werden dürften hätten die Online-Zeitungen auch ein Interesse an einem unzensierten, übersichtlichen Kommentarbereich, den die Leser evtl. zusätzlich für sich sortieren, bewerten und arrangieren können.
Bei der Traditionspresse kommen solche Ansätze leider nur bedingt vor. Lieber wird Lobbyarbeit gemacht und solche Monster wie "Leistungsschutzrecht" vorangetrieben. Mal sehen, welches Konzept ("Almosen" vs. "Leistungsschutzrecht") in Zukunft die größere Rolle spielt.
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