Seit der Filmkritiker Roger Ebert an Kehlkopfkrebs erkrankte, kann er nicht mehr im Fernsehen auftreten. In seinem Blog macht er sich Gedanken über das Alleinsein im Internet.
Papst Benedikt vermag im Internet nur wenig Gutes zu erkennen. Dort, so warnte er erst am Samstag wieder, drohten die Menschen sich zu betäuben, die Orientierung zu verlieren, zu vereinsamen. Der Filmkritiker Roger Ebert sagt von sich, er sei nie einsam gewesen. Dabei könnte man verstehen, wenn er so fühlte. Er hat einen Großteil seines Publikums verloren, all die Amerikaner, die seine Filmkritiken über Jahrzehnte in seiner Fernsehsendung verfolgten. Denn Roger Ebert kann nicht mehr sprechen. Er kann auch nicht mehr essen oder trinken, seit ihm wegen seines Schilddrüsenkrebses der Unterkiefer und ein Teil des Rachens entfernt werden mussten.
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Das Internet macht einsam, behauptet Papst Benedikt. Der Filmkritiker Roger Ebert sagt, er sei nie einsam gewesen. Obwohl man das verstehen könnte. (© dpa)
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In der krankheitsbedingten Isolation hat Ebert sich das Internet erschlossen. Seit dem Frühjahr 2008 betreibt er sein Blog "Roger Ebert's Journal" auf der Website der Zeitung Chicago Sun-Times, für die er daneben, wie schon seit 1967, weiter Filmkritiken schreibt. Am 5. November hat Ebert dort einen Eintrag mit der Überschrift "All the lonely people" veröffentlicht, der sich mit der Einsamkeit im Netz beschäftigt. "Einsame Menschen", so beginnt Ebert, "haben eine natürliche Affinität für das Internet. Es ist immer da und wartet, ist geduldig, passt zu jeder Stimmung."
Ebert schreibt hier nicht über sich selbst, er macht sich Gedanken darüber, was seine Leser im Netz suchen, und was sie von ihm wollen, wenn sie auf seinem Blog kommentieren. Das ist von ihm nicht abschätzig gemeint. 78000 Kommentare hat Ebert bislang erhalten. Er liest sie, wie er sagt, alle; viele von ihnen beantwortet er. So hat sich um Ebert eine treue Online-Community gebildet.
Roger Ebert schildert, wie er anfangs dazu neigte, dem Internet die Schuld an der Einsamkeit all dieser Menschen zu geben. Und beschreibt, wie er schließlich einsah, "dass diese Kommentarschreiber vielleicht genauso einsam gewesen wären, wenn das Netz nie erfunden worden wäre. Es war nicht die Ursache, es war nur die Gelegenheit."
Bewegend wird Eberts Text vor allem, wenn man die 450 Leserkommentare dazu liest. Viele anrührende Berichte über die eigene Einsamkeit sind darunter. Auch in zahlreichen anderen Blogs erzählen Menschen davon, wie sehr Eberts Gedanken über das Netz und die Einsamkeit auf sie zutreffen. Viele dieser Kommentatoren sind betroffen von Krankheit, Sucht, psychischen Problemen, körperlichen Gebrechen. Manche Erzählung mag wehleidig erscheinen, doch spürbar ist, dass Ebert diese Menschen wirklich berührt hat.
In einem zweiten Blogeintrag schildert er nun, dass ihm bei der Lektüre der Kommentare vor allem auffiel, was dort fehlte: "Gewöhnlich kommentieren die Leute in einem Blog gegenseitig ihre Einträge. Widersprechen. Attackieren. Korrigieren." Diesmal nicht. Und dadurch ging es Ebert, der vor 30 Jahren seine Trunksucht bei den Anonymen Alkoholikern besiegt hat, auf. Für diese Menschen leistet das Netz offenbar das, was ihm einst die AA-Runden boten, gerade durch die Eigenschaft, in der viele nur eine Gefahr sehen: "Ja, das Internet ist anonym", schreibt Ebert. "Manchmal kann das eine gute Sache sein. Manchmal ist es gut, über sein Leben Zeugnis abzulegen."
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(SZ vom 15.11.2010/kar)
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"Ebert, der vor 30 Jahren seine Trunksucht bei den Anonymen Alkoholikern besiegt hat"
Schwache Menschen brauchen die soziale Stütze. Da sind sie Mittelpunkt, weil sie nicht für sich selbst Mittelpunkt sein können.
Ein Charakter ruht in sich und genießt sein Ruhe. Eine Ruhe, die vielen als unerträgliche Einsamkeit vorkommt und die Stille des Lebens ist. Unaufgeregt, unpretentiös und die Vorbedingung eines freien Geistes, der nicht vom Beifall anderer abhängig ist. Oder -wie man oben sicht- vom Alkohol.
Im Internet kann man aus einer Einsamkeit heraustreten, das stimmt. Man kann anonym über das schreiben, was einen wirklich bewegt.
Aber damit und dadurch bleibt das Internet immer noch ein Ersatz: ein Ersatz dafür, dass man mit den Menschen, mit denen man seinen Alltag lebt, wahrhaftig und offen spricht. Ein Ersatz dafür, dass man seine Wunden zeigt.
Das Internet zeigt, dass wir unser Zusammenleben immer noch nicht menschlich gestalten. Wir spielen einander etwas vor und zwingen uns gegenseitig dazu. Wir machen uns gegenseitig einsam.
Und es gibt die große Versuchung, diese Einsamkeit einerseits nicht zu einem All-eins-sein weiterzuentwickeln, indem man sie wirklich durchlebt, und andererseits die Einsamkeit nicht wirklich zu beenden, indem man in eine wirkliche ganze unmittelbare menschliche Beziehung mit einem Menschen tritt.
Dazu kann aber das Internet ein zusätzlicher Weg sein -- kann! Wenn man den Sprung wagt.
Genau das ist der Punkt. Die Menschen hätten früher alleine die Abende vor dem Fernseher verbracht, heute sind sie zumindest online nicht mehr alleine durch Foren, Blogs und Onlinespiele. Durchaus eine Verbesserung wenn man mich fragt.