Netz-Depeschen Das Recht am eigenen Datenhaufen

Wie viel Gigabyte hat ein Leben? Die Anhänger der "Quantified-Self"-Bewegung wollen mittels Smartphone mehr über ihr Leben erfahren. Schließlich ist es nur fair, wenn man so viel über sich selbst weiß, wie es Google oder Facebook bereits tun.

Von Michael Moorstedt

Am Ende jeden Jahres zieht Nicholas Felton Bilanz. Der New Yorker Designer macht das nicht auf die übliche Weise - beim Knallen der Silvesterböller ein paar Erinnerungen aufrufen -, Felton veröffentlicht akribisch gesammelte Daten in seinen sogenannten Jahresberichten. Letztes Jahr beispielsweise bekam er 13 Postkarten zugeschickt, verlor sechs Billardpartien und trank 632 Biere, die er nach ihrem Ursprungsland sortiert hat - ein paar aus Deutschland waren auch dabei. Felton ist Teil der Quantified-Self-Bewegung - einer Gruppe von Leuten, die mit Hilfe von Computern mehr über ihr Leben erfahren wollen. Das Werkzeug ist dabei das Smartphone. In beinahe jedem Modell stecken mittlerweile Kompass, GPS und Beschleunigungssensoren, die wissen, wo sich der Nutzer aufhält und was er treibt.

Wie viele Gigabyte hat ein Leben? Wie viel Speicherplatz verbraucht eine Romanze auf der Festplatte? Die Daten sind ja schon da: Im Posteingang des E-Mail-Accounts liegen Tausende von Nachrichten, die von beruflichen Erfolgen und privaten Dramen berichten. Auf Rockkonzerten drücken Menschen öfter auf den Auslöser des Fotohandys, als dass sie in die Hände klatschen. Auf Facebook wird in hoher Frequenz die eigene Befindlichkeit gespeichert.

Zusammen mit Kevin Kelly, einem der Gründer des Wired-Magazins, hat der Journalist Gary Wolf die Website Quantifiedself.com gestartet. "Self knowledge through numbers", heißt das Credo. Einige tausend Aktivisten tauschen sich dort mittlerweile über die Daten aus, die ihr Leben bestimmen: Wie viele Kalorien sie auf dem Weg zur Arbeit verbrannt haben, oder wann es am besten für sie ist, aufzustehen. Mit wie vielen Leuten sie geschlafen und wie sie sich dabei gefühlt haben. Dabei ist die alles bestimmende Frage: Wie kann das mein Leben verbessern?

Überhaupt nicht, sagen jene, die das Ganze für das eitle Gehabe narzisstischer Nerds halten. Zumindest das Paradoxon, dass eine Messung auch den beobachteten Vorgang beeinflusst, lassen die Quantified-Self-Gläubigen erst einmal außer acht. Derweil laden sie nicht nur Fitness- und Schlafüberwachungs-Apps auf ihre Smartphones, die dann als Personal Trainer fungieren - auch kognitive Signale werden gemessen. Programme wie RescueTime oder Digital Mirror analysieren die Produktivität im Word-Dokument oder die E-Mail-Kommunikation. So werden im Verlauf einiger Zeit Tabellen erschaffen, die anzeigen, wann die Nutzer am emsigsten arbeiten oder mit wem und wie sie am häufigsten kommunizieren. Anhand der Ergebnisse gilt es, sein Verhalten anzupassen.

Mittlerweile verkauft Nicholas Felton die schön gestalteten Beichtberichte über sein Leben für 100 Dollar pro Stück. Die von ihm gegründete Website daytum.com ist ein soziales Netzwerk, in dem die Nutzer ihr Leben sortieren und sich Tipps geben, wie es sich noch akkurater messen lässt. Doch den meisten Selbstoptimierern geht es nicht um ihr Geschäft, sondern auch um Selbstermächtigung. Schließlich hinterlässt jeder Internetnutzer mit jedem Browserstart einen Haufen Daten auf fremden Servern, die dann dazu benutzt werden, um personalisierte Werbung zu verschicken. Gary Wolf sagt, es sei nur fair, wenn man so viel über sich selbst wisse, wie es auch Google oder Facebook schon tun.

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