Netz-Depeschen Das Netz ist kein schöner Ort

Männer im Bärenkostüm und tanzende Koreaner: Beim Chatroulette werden wildfremde Menschen nach dem Zufallsprinzip verbunden. Die Etikette ist dabei zweitrangig - und die Erschöpfung nah.

Von M. Moorstedt

Seit seinen Anfängen versprach das Internet, uns anhand unserer Gemeinsamkeiten zu verbinden. Interessen, Freunde oder Postleitzahl waren die Indikatoren, um Bekanntschaften einzufädeln. Der Erfolg einer neuen Website lässt nun vermuten, dass manche die Bevormundung durch die Algorithmen satt haben. Sie heißt chatroulette.com.

Chatroulette ist ein nicht enden wollender Strom von Gesprächen mit wildfremden Menschen, die sich willkürlich beleidigen. Das Plädoyer für den Zufall scheint anzukommen.

(Foto: Foto: dpa)

Einziger Sinn des Dienstes ist es, seine Nutzer nach dem Zufallsprinzip mit einem nicht enden wollenden Strom von fremden Internet-Nutzern zu verbinden. Live, mit Bild und Ton. Auch andere Seiten funktionieren nach diesem Shufffle-Prinzip. Omegle.com oder gettingrandom.com etwa versprechen die gleiche Erfahrung, allerdings nur textbasiert.

Plädoyer für den Zufall

Auf chatroulette.com ist nicht mehr zu sehen als zwei Fenster für die Webcam-Übertragung. Drückt man auf Start, blickt man auf einmal in ein fremdes Gesicht, das zurückstarrt. Ungewöhnlich ist das nicht zuletzt deshalb, weil schließlich längst höchster Wert auf fein sortierte Kontakte gelegt wird.

Schließlich verdanken Google oder Facebook ihren Erfolg der Kategorisierung, Einordnung und Kontrolle der überbordenden Informationen, mit denen man im Internet konfrontiert wird. Doch das Plädoyer für den Zufall scheint anzukommen. Im Schnitt sind 20.000 Nutzer online, vor einigen Wochen waren es gerade einmal ein paar hundert.

Visueller Flame-War

Wer die Filter ablegt, lernt bald: Das Netz ist kein schöner Ort. Man könnte vermuten, durch den Wegfall der Anonymität würden sich die User an die im Alltag erlernte Etikette halten, immerhin erlauben sie fremden Menschen einen Blick in ihr Gesicht und all die anderen Dinge, die die Webcam aufzeichnet und die Rückschlüsse auf Charakter und Leben zulassen. Die Kleidung und Einrichtung, das Chaos auf dem Schreibtisch. Aber das ist wohl ein Irrtum.

Chatroulette ist ein visueller Flame-War, man wird von Fremden willkürlich beleidigt. Im Schnitt dauert der Kontakt nur ein paar Sekunden, bevor einer der beiden Chatpartner die Verbindung unterbricht und sich ebenso schnell mit einem neuen Gesicht konfrontiert sieht. Also mit einem Mann im Bärenkostüm, nackten Verbindungsstudenten, tanzenden Koreanern und anderen Verrückten und Verrücktheiten. Wer Glück hat, gerät an Menschen, mit denen man sich eine halbe Stunde über Avantgarde-Folk oder Ballett unterhalten kann.

Nanosekunde Aufmerksamkeit

Dennoch: Es geht eine eigenartige Faszination von dieser rohen Kommunikationsform aus. Es scheint, als entdeckten die Nutzer gerade erst den Reiz der Unberechenbarkeit, als wollten sie aus dem immer engmaschiger werdenden sozialen Netz ausbrechen.

"Einen neuen Menschen zu treffen, ist auf eine archaische Weise spannend. Alle Aufmerksamkeit konzentriert sich für eine Nanosekunde, um abzuschätzen, ob die Kreatur, die man vor sich hat, das eigene Leben ändern wird", schrieb das New York Magazine. Chatroulette ließe einen diesen Moment immer wieder erleben. Nach einer Stunde des Ausprobierens sei man vollkommen erschöpft.