Nein zu den "Kulturhauptstädten Europas" Milliarden-Schwindel

Mons European Capital of Culture 2015 dpatopbilder epa04582217 People attend the opening show of the Mons 2015 European Capital of Culture program, in Mons, Belgium, 24 January 2015. Mons shares the title of European Capital of Culture 2015 with Pilsen in the Czech Republic. EPA/STEPHANIE LECOCQ +++(c) dpa - Bildfunk+++

(Foto: dpa)

Die EU ist reich an absurden Ideen. Zu den teuersten zählt der Wettbewerb um den Titel "Kulturhauptstadt Europas", der für alles Mögliche steht, für Bürokratismus, Intransparenz, Willkür und Tingeltangel. Nur nicht für Kultur.

Von Gerhard Matzig

EU-Bürokratismus, Intransparenz, Willkür, Proporz, Sonntagsreden und das Missverständnis, irgendein Tingeltangel hätte etwas mit Kultur zu tun: Das ist die Bilanz nach 30 Jahren Kulturhauptstadtgedöns. Die in drei Jahrzehnten zwischen Street-Art und Stadtmarketing verschleuderten Milliarden der Steuerzahler kommen noch hinzu.

Was hätte man mit dem Geld nicht alles tun können? Gerade mit Blick auf Athen muss man diese Frage stellen. Die griechische Hauptstadt wurde im Frühsommer 1985 als erste Stadt der EU mit dem von Anfang an fragwürdigen Titel einer "Kulturhauptstadt Europas" ausgezeichnet. Als ob Athen nicht schon zuvor über Kultur und eine Idee Europas verfügt hätte. Und heute? Stadt und Idee wurden verraten an die Kulturlosigkeit der Manager und Funktionäre, der Eliten und Politiker. Im Herzen der Demokratie hat sich die EU eine Hauptstadt des Elends errichtet.

Die europaweite Kulturstadt-Bilanz ist vernichtend genug, um eine einstmals gut gemeinte Idee, die sich in der Praxis des Schlechtgemachtseins als typischer Brüssel-Wahnsinn herausgestellt hat, möglichst schnell zu beerdigen. Jede Stadt sollte froh sein, wenn sie sich nicht mit dem operettenhaften Titel "Kulturhauptstadt Europas" belasten muss. Man sollte das Geld für Soziales oder für nachhaltige Kultur-Strukturen ausgeben - anstatt damit überhöhte Rechnungen von Eventmanagern zu bezahlen.

So sinnvoll wie eine gerade Gurke

Das bizarre Hervorheben einer "Kulturhauptstadt" ist so sinnvoll wie die legendäre Gurkenkrümmungsverordnung. Wegen ihrer kabarettreifen Idiotie wurde diese nach mehr als zwanzig Jahren endlich außer Kraft gesetzt. Auch vom Kultur-(Un)Verständnis der EU sollte man sich trennen. Der Kultur-Titel gehört auf die Müllhalde der Bürokraten. Warum es ihn weiterhin gibt? Weil die Bürokraten sich davon nähren wie vom Aas toter Ideen. Das Ganze ist längst zum Selbstbedienungsladen der Subventionen verkommen. Obendrein zu einer weiteren Event-Groteske, die die Städte Europas mit Spektakel ausrüstet anstatt mit Kultur.

Wenn die Kommunen und Zentren Museen, Theater, Galerien, Konzerthallen sowie als Folge auch davon eine kulturelle Identität besitzen: Dann brauchen sie den Titel nicht. Wenn sie aber kulturell unbedeutend sind - dann ist ihnen auch mit schnell verhallenden Kreativ-Ideen und den seltsamen Gastspielen der global herumvagabundierenden Art-Branche nicht geholfen. Es sei denn, man glaubt, dass ein bunter Nachmittag schon ein identitätsstiftendes Kulturprogramm ist. Nachhaltige Strukturen sind etwas anderes als kurzlebige Events.

Früher hießen die mit Fördergelder zugeschütteten Kulturhauptstädte Athen (1985) oder Florenz (1986), Paris (1989), Madrid (1992) oder Krakau (2000). Das war Unsinn, weil diese Städte schon seit Jahrhunderten aus eigener Kraft kulturelle Zentren waren, sind und es auch dann noch sein werden, wenn der EU-Kulturhauptstadtbeschluss 1419/1999/EG zu Staub zerfallen sein wird. Heute, 2015, heißen die Kulturhauptstädte Pilsen und Mons.

Die Sehnsucht nach Weltläufigkeit endet in der Provinz

Wobei sich noch herumsprechen dürfte, dass das eigens für die belgische Kulturhauptstadt Mons errichtete Kulturzentrum (entworfen von "Star-Architekt" Daniel Libeskind) nicht nur dysfunktional und teuer im Unterhalt ist. Sondern auch so ortlos wie beliebige andere Da-schau-her-Bauten, die man sich in aller Welt und gerne auch in der Provinz subventionieren lässt, um das angebliche Flair internationaler Kultur dort zu behaupten, wo es sich eher lohnen würde, die je eigenen, unverwechselbaren Kulturbauten und Kulturansprüche des öffentlichen Raumes zu pflegen. Zumindest wäre das weniger provinziell. Und die Zirkus-Kunst, die nun aus Pilsen einen temporären Hotspot europäischer Kultur machen und die "Sehgewohnheiten" - was sonst - "unterlaufen" soll? Geschenkt.

Die Idee der Europäischen Kulturstadt ist längst zur Farce einer Kreativwirtschaft verkommen, die sich vor allem auf billige Effekte versteht und darauf, diese teuer zu verkaufen. Es geht nicht um Kultur, sondern nur um die allenfalls touristisch nützliche Kunst der Event- und Spaßgesellschaft in einer Ökonomie der Aufmerksamkeit.