NDR: Skandal um Vetternwirtschaft Ein Dreh zuviel

Unterlagen deuten auf ein System der Vetternwirtschaft innerhalb des NDR hin. Szenen einer Recherche, an deren Ende die ARD eine leitende Redakteurin und viel Reputation verloren hat.

Von N. Richter u. H. Leyendecker

Der Regisseur Josh Broecker ist seit gut anderthalb Jahrzehnten im Geschäft. Über die Misslichkeiten des ehelichen Alltags hat er etliche Filme gemacht und kennt die einschlägigen Schreiber. Nur: Wer war die Autorin Marie Funder? Die Leiterin des Programmbereichs Fernsehfilm beim NDR, Doris J. Heinze, hatte ihm ein Drehbuch der ihm unbekannten Schreiberin in die Hand gedrückt. Der Regisseur suchte den Namen Funder bei Google. Viel war da nicht.

Broecker fand die Grundidee des Drehbuchs gut, veränderte aber das Skript völlig und wollte darüber mit Funder reden. Das sei leider nicht möglich, teilte ihm Doris Heinze mit. Broecker wunderte sich. Schließlich ist ein guter Film daraus geworden: "Die Freundin der Tochter" wird kommenden Monat in der ARD zu sehen sein: "Buch: Marie Funder" steht in den Ankündigungen.

Ähnliches war dem Regisseur Thorsten C. Fischer schon vor Jahren widerfahren. Als er den Film "Katzenzungen" drehte, fand er das Drehbuch des ihm unbekannten Autoren Niklas Becker miserabel, schrieb es völlig um. Kein Satz blieb. Das sei in Ordnung, versicherte Doris Heinze. Auch Fischer wollte mit dem Autoren reden, doch der war nie zu sprechen oder in Übersee verschollen. Wer sich nach Becker erkundigte, hörte oft, Becker lebe sehr einsam und habe kein Telefon. In ARD-Presseheften heißt es zu Becker: "Seit 1986 lebt er in Amsterdam und Montreal, wo er unter anderem als Script-Doctor tätig war."

Rund um Doris Heinze wimmelt es von Phantomen. Wer Verdacht schöpfte, fragte nach - merkte aber schnell, dass er besser schweigen sollte. Im Kreis der Regisseure und Autoren hatten einige das Gefühl, vom NDR geschnitten zu werden, weil sie zu neugierig gewesen waren. Am 18. August bat die Süddeutsche Zeitung den NDR, einen Kontakt zu Becker und Funder herzustellen; es gebe den Verdacht, dies seien falsche Namen oder Strohleute. Thomas Schreiber, beim Sender Chef des Bereichs Fiktion & Unterhaltung, stellte erste Nachforschungen an und beschwichtigte: In der Tat seien dies Pseudonyme, aber das gelte ja auch für Mark Twain, Hera Lind, John le Carré oder Matthias Claudius. Schließlich teilt Schreiber die wirklichen Namen mit: Becker heiße in Wahrheit Claus Strobel, Funder sei Inga Pudenz.

Claus Strobel allerdings ist der Ehemann der leitenden NDR-Redakteurin Heinze. Inga Pudenz ist Mit-Inhaberin der Münchner Agentur Scenario und Agentin von Doris Heinze. Am 24. August reichte die SZ zehn weitere Fragen nach. Darunter: Ob der NDR hier einen Interessenkonflikt erkenne. Der Sender antwortete am 27. August, niemand beim NDR habe gewusst, wer Becker und Funder wirklich seien. "Es widerspricht allen NDR-Regularien", hieß es weiter, "den eigenen Ehemann mit Drehbüchern- und sei es auch auf dem Umweg über die Beauftragung einer Produktionsfirma - zu beauftragen und die Filme als Redakteurin zu betreuen. Der NDR wurde getäuscht." Heinze wurde sofort suspendiert, der Sender strebt eine fristlose Kündigung an. Heinzes Rechtsanwalt Gerd Benoit hält dies für überzogen. Er meint, es liege kein Betrug vor, weil dem NDR kein Schaden entstanden sei. "Wäre der Sender von sich aus auf das Fehlverhalten Heinzes gekommen, wäre sie wohl mit einer Abmahnung davongekommen", sagt Benoit.

Doch der Fall geht weit über die Begünstigung des eigenen Ehemanns durch eine Fernsehredakteurin hinaus. Unterlagen, die der SZ vorliegen, deuten auf ein ausgedehntes System der Vetternwirtschaft hin, das in mehreren Fällen Straftatbestände wie Betrug oder Untreue erfüllen könnte. Die Staatsanwaltschaft Hamburg prüft den Fall bereits. So zahlte die Münchner Agentur AllMedia Pictures, mit der Heinze oft zusammenarbeitete, mehrmals hohe Beträge für wahrscheinlich fiktive Leistungen. Zum Beispiel ging eine Rechnung ein über 15000 Euro für die angebliche Überarbeitung eines Drehbuchs der Serie Polizeiruf 110 (Titel: ,,Resturlaub''). Die Autorin Beate Langmaack sagt auf Anfrage, von einer Überarbeitung habe ihr nie jemand erzählt; ihr Buch sei auch exakt so verfilmt worden, wie sie es geschrieben habe. Das bestätigt auch der NDR. Gleichwohl soll eine fünfstellige Summe an den fiktiven Überarbeiter geflossen sein. Für welche Leistung? Als Überarbeiter ist übrigens das Phantom Niklas Becker vermerkt. Die AllMedia wäre die Geschädigte. Die Mutterfirma der AllMedia, die MME Moviement AG, überprüft die Vorwürfe, hat die Büros der Produktionsfirma schließen lassen und die Mitarbeiter beurlaubt.

Jetzt, da Abrechnungen etlicher Produktionen der AllMedia und des NDR gründlich geprüft werden, tauchen immer neue Ungereimtheiten auf. So wurden von AllMedia 24000 Euro für einen Verzicht der Autorin auf Wiederholungshonorare eines Drehbuchs gezahlt, das nie verfilmt wurde. Das Buch "Dienstage mit Antoine" kostete den NDR zusätzlich 27000 Euro, die der Sender an die Produktionsfirma überwies. "Über die Frage, wohin oder an wen die Agentur Scenario die Honorare weitergeleitet hat, kann nur die Agentur oder Frau Pudenz Auskunft geben", erklärt der Sender. Denn Frau Pudenz, alias Marie Funder, hat das Buch geschrieben. Warum fließt insgesamt so viel Geld für ein Projekt, das nie verwirklicht wird? Der NDR erklärt, er habe das Projekt aufgrund zu starker inhaltlicher Ähnlichkeit mit den Stoffen von jüngst ausgestrahlten Filmen bei Wettbewerbern storniert.

"Kann Pudenz überhaupt schreiben?", fragt ein Insider. In der Branche gibt es allgemein Zweifel daran, dass Pudenz und Strobel die unter Pseudonym verfassten Bücher wirklich geschrieben haben. Beide sind nie als große Autoren von Komödien und Dramen aufgefallen. Es gibt überhaupt ganz viele Rätsel. Eine Gesundheitsberaterin aus Bayern, die niemand in der Branche kennt, firmiert als Autorin zahlreicher Produktionen von NDR und AllMedia. Auch sie war nie erreichbar, wenn es Fragen von Regisseuren gab. Angeblich weilte sie in Südfrankreich oder konnte nicht telefonieren. Auf Anfragen der SZ wollte sie sich in dieser Woche nicht äußern. Dabei gibt es viele Fragen. Für den Film "Der zweite Blick" soll sie eine Rechnung über 10000 Euro gestellt haben. Für was? Sie hat nach Angaben von Insidern nichts beigetragen.

Auch NDR-Intendant Lutz Marmor vermutet hinter alledem ein ,,System''. Da sind die Produktionsfirmen und Agenturen, die vom Sender oder von der Gunst leitender Redakteure abhängig sind. Und es fließt immer wieder Geld für fragwürdige Leistungen. Der Intendant richtet sich darauf ein, dass die Untersuchungen noch eine Weile dauern können. Weitere böse Überraschungen schließt er nicht aus. Selbst im Archiv des NDR wird jetzt nach Akten gesucht.

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