Natur Blätter sind der Ursprung

Elementar ist der Austausch und alles Lebendige vom Blatt bis zum Menschen ist über den Atem miteinander verbunden: Ein erstaunliches kleines Buch darüber, wie Pflanzen die Welt erschaffen.

Von Burkhard Müller

Zwei große Geheimnisse gibt es in der Welt: die Zeit und die Pflanzen. Die Pflanzen besitzen unbestreitbar die Qualität des Lebendigen, aber weder Bewusstsein, noch Muskeln, noch ein Nervensystem oder Sinnesorgane. Wie das Leben eines Tiers aussieht, vermögen wir uns irgendwie auszumalen, denn auch Menschen sind Tiere, und selbst in die Haut eines Wurms können wir uns versuchsweise hineinversetzen, indem wir von unseren Fähigkeiten graduell subtrahieren; in Pflanzen nicht. Sie leben, aber sie kennen keine Form des Handelns als das Wachstum; ihr Dasein scheint eine Art von ewigem Schlaf.

"Die Wurzeln der Welt. Eine Philosophie der Pflanzen", lautet der Titel des Buchs von Emanuele Coccia, Professor für Philosophiegeschichte in Paris, in der deutschen Fassung. Genauer trifft es das französische Original: "La vie des plantes. Une métaphysique du mélange". Darin drückt sich ein primäres Staunen aus, dass etwas, das sich so ruhig und unbewegt verhält, dennoch am Phänomen des Lebendigen teilhat - und sodann die Aufmerksamkeit für den Stoffwechsel, der zunächst ein physisches Faktum darstellt, dieses aber als Prinzip der universalen Mischung zugleich metaphysisch überschreitet.

Die Pflanze ist für Emanuele Coccia die radikalste Form des In-der-Welt-Seins

Coccia begibt sich in Opposition zu so ziemlich allen Richtungen des herrschenden Denkens. Der Biologie wirft er vor, ihren Begriff vom Leben fast ausschließlich am Sonderfall des Tiers zu gewinnen - einem kannibalischen Sonderfall, wie er meint, denn alle tierische Existenz ist eine abgeleitete, sie zehrt letztlich von den Pflanzen. Die Naturwissenschaft bekommt zu hören, sie habe mit ihrer anmaßenden und ängstlichen Zersplitterung in immer differenziertere Sparten die philosophische Neugier verraten. Und die heutige Philosophie bezichtigt er, sich zu einer Spezialisierung verengt zu haben und nichts weiter mehr zu sein als eine "Vermengung falscher Voraussetzungen, oberflächlicher Absichten und eines abstoßenden Moralismus". Ihr Sündenfall war es, dass sie dem sophistischen Satz auf den Leim ging, der Mensch sei das Maß aller Dinge. Ihn praktiziere auch die bei aller Brillanz erkenntnistheoretisch naive Wissenschaft, indem sie mit Maschinen arbeite, die nichts weiter täten, als das Unzulängliche der menschlichen Sinnesleistungen prothesenhaft auszugleichen. Diese technischen Erweiterungen des Subjekts seien das falsche, da allzu menschenförmige Mittel, um die Beschaffenheit des Kosmos zu erkunden.

Und was wäre das richtige Mittel? Das Betrachten und Bedenken der Pflanzen natürlich. Dieses Buch unternimmt es, und darin besteht seine philosophische Originalität, das Geheimnis der Pflanzen fruchtbar zu machen für die Untersuchung, was der Kosmos und das Leben überhaupt seien. Coccia behauptet: "Sie (die Pflanze) ist die intensivste, die radikalste und paradigmatischste Form des In-der-Welt-Seins." Die Pflanze, im Gegensatz zu den zappeligen Tieren, i s t. Sie stoffwechselt zwar mit ihrer Umgebung, blüht und fruchtet saisonal, nimmt allmählich an Umfang zu - aber dennoch umfasst sie das, was sie sein kann, in jedem Augenblick ganz. Zeit hat für sie nicht dieselbe Bedeutung wie für die animalischen Lebewesen; denn Zeit heißt, das was man sein kann, immer nur nacheinander sein zu können und also zu jedem einzelnen Zeitpunkt unvollständig zu bleiben. (Coccias Buch schafft es also bis zu einem gewissen Grad, die beiden Geheimnisse der Zeit und der Pflanze ineinander aufzulösen. Obwohl es dies nicht eigentlich thematisiert, liegt hier doch ein wesentliches Resultat des Buchs.)

Das schmale Buch liefert Neues, setzt dem herrschenden Denken eine echte Alternative entgegen

"Was die Welt ist, müssen wir von den Pflanzen erfragen": So lautet Coccias Credo. Nicht nur etwa, was das Leben sei, sondern die Welt. Der Frage naht man sich am besten von ihrem Gegenteil her, nämlich was Welt nicht sei. Welt ist nicht das im Urknall erzeugte Weltall; noch das, was in Ding an sich und Vorstellung auseinanderfällt, wie Kant es behauptet; auch nicht bloß Raum der Konkurrenz, wie Darwin meint; ebenso wenig Umwelt, in der spezifische Lebensformen nur die für sie relevanten Informationen aufnehmen (die Zecke den Geruch der Buttersäure ihrer Opfer), wie von Uexküll vorgeschlagen hat; auch kein Zuhandensein im Sinne Heideggers. (Gegen Heidegger, der generell nur sieht, was den Menschen betrifft, hegt Coccia eine besondere Abneigung.)

(Foto: Job Wouters)

Welt ist, was entsteht, indem Lebewesen in ihr existieren. Welt ist wesentlich Atmosphäre, die sich als Atem realisiert. Pflanzen drücken dieses Atemprinzip deutlicher als alle anderen Lebewesen aus. Ihr zentrales Organ, die Fotosynthese treibenden Blätter, stellen nichts anderes dar als solche Atmung; nichts an den Blättern ist Volumen, alles Oberfläche. "Das Blatt ist die paradigmatische Form dieser Öffnung: das Leben, das in der Lage ist, sich von der Welt durchqueren zu lassen, ohne von ihr zerstört zu werden."

Alles Lebendige hängt über diesen Atem zusammen, Pflanzen atmen aus, was Tiere einatmen, und umgekehrt; und miteinander haben sie über ungeheuer lange Zeiträume das gebaut, was heute unser Luftozean ist. "Der Ursprung der Welt sind die Blätter." Das elementare Faktum besteht im Austausch. Darum gelangt der Reduktionismus, der zum Grund der Dinge vorstoßen will, indem er sie auf- und abspaltet, nicht an sein Ziel. Das gilt vom Hochmut des Individuums genauso wie vom atomistischen Ansatz der modernen Wissenschaft.

So weit gekommen, muss man das Buch gegen einige Missverständnisse (und Selbstmissverständnisse) in Schutz nehmen. Wer die Augen verdreht, als würden hier Banalitäten aufgebauscht oder gar Billigmystik vom Schlag der Schutzengel feilgeboten, der sei versichert: Es handelt sich um eine ernsthafte Philosophie, die eben dem, was sich von selbst zu verstehen scheint, zu ausdrücklicher und grundsätzlicher Geltung zu verhelfen strebt. Dass man an die Wahrheit nicht analytisch herankommt, sondern nur indem man als ihren Grund die Synthese begreift, das Ganze als das Letzterreichbare, hinter das kein weiteres Forschen dringt: diese Einsicht kann in einem Zeitalter, das blind nach "Gottesteilchen" jagt, als gäbe es Welterkenntnis erst, wenn man sie sich wie einen Legobaukasten vorstellt (und als wäre auch Gott selbst sozusagen legomäßig verfasst), schwer durchdringen. Coccia stellt eine große Koalition der Denker zusammen, die seine Gedanken stützen, und schafft eine andere Traditionslinie der Vernunft. Aristoteles gehört dazu, Augustinus, Giordano Bruno, Herder, selbst Kant mit einigen seiner eher übersehenen Schriften, der dem Klima so viel zutraute und damit das prinzipiell Vage in seine Überlegungen einbezog.

Emanuele Coccia: Die Wurzeln der Welt. Eine Philosophie der Pflanzen. Aus dem Französischen von Elsbeth Ranke. Hanser Verlag, München 2018. 188 Seiten, 20 Euro. E-Book 15,99 Euro.

(Foto: )

Mit dem Pantheismus, dieser sinnlos ehrfurchtsvollen Tautologie, liebäugelt das Buch zwar stellenweise, erliegt ihm aber glücklicherweise dann doch nicht. Abraten möchte man Coccia von seiner Allianz mit der Gaia-Hypothese, die so tut, als sei alles Lebendige sozusagen nur Auswuchs der einen Mutter Erde. "Gaia" ist ein mörderischer matriarchaler Kitsch, weit schlimmer als die patriarchale Kampfwelt Darwins. Gaia, das Rabenmütterlein, überdauert immer und killt alle.

Dem Buch kann man vieles einwenden. Dass es nur vom Leben spricht und nicht vom Tod, der zuletzt, um von den einjährigen Pflanzen zu schweigen, selbst die steinalten kalifornischen Borstenkiefern ereilt. Dass es als "Welt" nur die irdischen Verhältnisse betrachtet, wo das Weltall sich doch offensichtlich um unsere Art von Leben wenig schert.

Lesen Sie das Buch trotzdem. Es lohnt sich nicht deswegen, weil alles zuträfe, was darin steht: sondern weil es eine Frage und ein Angebot enthält; weil es etwas Neues liefert. Es setzt dem herrschenden Denken eine echte Alternative entgegen. Trotz seines Anspruchs liest es sich, sobald man sich ihm öffnet, leicht und mit Vergnügen, und seine Anschauung gewinnt, wo es von seinen Lieblingen, den Pflanzen spricht, poetische Qualität. Nirgends sonst dürfte man nach einer Lektüre von nur 150 Seiten Text ein solches Gefühl der Bereicherung genießen.