Nationalhymne beim Super Bowl Lady Gaga muss nicht schreien, um gehört zu werden

Wie Amerika den Super Bowl feiert

Die Show ist beinahe so wichtig wie der Sport. Entsprechend treten beim Finale der NFL-Meisterschaft US-Superstars wie Lady Gaga, Beyoncé und Bruno Mars auf. Doch auch eine bayerische Tradition scheint dort Einzug zu halten. mehr...

Jimi Hendrix' Version der Nationalhymne war ein Statement gegen den Vietnamkrieg, Whitney Houston gab den Amerikanern Selbstbewusstsein im Golfkrieg. Und Lady Gaga, beim Super Bowl?

Von Julian Dörr

Diese Stimme! Lady Gaga singt die amerikanische Nationalhymne und das Netz und die halbe Welt überschlagen sich. Ist es so überraschend, dass hinter einer der größten Kunstfiguren unserer Zeit auch eine gute Musikerin steckt? Egal. Auf jeden Fall weiß spätestens jetzt jeder mit einem Internetzugang, was für eine fantastische Sängerin Lady Gaga ist. Beim Super Bowl das "Star-Spangled Banner" singen - ein Karrieretraum. Reiht sie sich damit doch ein in die Riege der ganz großen Popstars, die mit ihrer Version der Hymne auch ein Bild der USA zeichnen, das sich in der ganzen Welt verbreitet.

Das "Star-Spangled Banner" und seine Interpretationen waren schon immer ein Spiegel des Zeitgeists. Am Anfang war da noch kein Football. In Woodstock zerstückelte Jimi Hendrix die Hymne der Mutigen und Freien und verwandelte sie in einen Protestsong gegen den Vietnamkrieg. In seiner E-Gitarren-Version des "Banner" ist der Patriotismus der Paranoia gewichen. Hendrix dehnt und verzerrt die Töne, bis sie wie ein Bombenteppich klingen, unter dem die Nationalhymne untergeht.

Im Januar 1991 war es wieder ein Krieg, der Whitney Houstons Interpretation des "Star-Spangled Banner" zu einem Höhepunkt in der Geschichte des Super Bowls machte. "Operation Desert Storm" hatte gerade begonnen, gegen die Invasion Saddam Husseins in Kuwait, viele US-Amerikaner waren verunsichert vom Krieg im Persischen Golf. Whitney Houstons soulige Gospel-Hymne gehörte zu einer mächtigen, selbstsicheren und unerschütterlichen Nation. Zuschauer und Publikum waren begeistert. So sehr, dass sie die Single-Veröffentlichung von Houstons Interpretation in die Billboard-Charts hoben. Dort tauchte sie nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 ein zweites Mal auf - in einer Zeit, als die USA diesen Seelentröster erneut dringend benötigten.

Vielleicht braucht Amerika das gerade

Die amerikanische Hymne kann als Kritik verstanden werden, Trost spenden oder die eigene Stärke feiern - je nach Kontext. Eines ist jedoch klar: Große Interpretationen markieren große historische Momente.

Das Outfit vergleichsweise zurückhaltend, die Stimme bombastisch wie immer: Lady Gaga beim Super Bowl.

(Foto: AFP)

Bei der zweiten Amtseinführung von Präsident Obama im Jahr 2013 sang Beyoncé, die mit ihrer neuen Single gerade Black Power zum Super Bowl gebracht hat, das "Star-Spangled Banner". Eine würdevolle und staatstragende Performance, die so wunderbar in eine Zeit passte, in der die zwei wichtigsten Paare des Landes - Barack und Michelle Obama, Jay-Z und Beyoncé - den Traum vom Post-Racial-America verkörperten, einem Land, in dem Hautfarbe keine Rolle mehr spielt. Dann kam Ferguson.

Und heute? Lady Gagas Version der Hymne ist reduziert, sie verlässt sich ganz auf ihre außergewöhnliche Stimme. Eine klassische, aber nicht minder beeindruckende Performance. Und vielleicht genau das, was ein Land gerade braucht, in dem die Populisten im Vorwahlkampf um die Wette schreien.

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