"Nathalie küsst" im Kino Aus dem Liebesleben der Angestellten

Schräger Flirt mit der schönen Chefin: Aus Audrey Tautou, die immer noch die ewig jugendliche "Amélie" in sich trägt, ist eine Frau geworden, die nicht mehr verführt, sondern verstanden werden will. In dem Film "Nathalie küsst" schafft das ausgerechnet ein grobschlächtiger Schwede, der von allen belächelt wird.

Von David Steinitz

Eine hübsche Französin küssen, nachts, unter den glitzernden Lichtern des Eiffelturms . . . "Das ist doch lächerlich!", brüllt der Mann und rennt davon. Auch die härtesten Kerle haben sich im Kino von einem Kuss in Paris verhexen lassen, Bogart inklusive, nur dieser hier setzt sich vorerst erbittert zur Wehr.

Der grobschlächtige Markus (François Damiens) steckt mitten in einem skurrilen Flirt mit seiner schönen Chefin Nathalie. "Nathalie küsst" ist ihre Geschichte, die aber vor allem durch die Männer erzählt wird, die sie lieben.

Von der ersten großen Liebe erzählt der Film in seinem ersten Drittel, die ist dann plötzlich vorbei. Er erzählt in eleganten kleinen Zeitsprüngen, ohne Eile, die eigentliche Geschichte zu schnell beginnen zu müssen. Nathalie verschanzt sich anschließend gegen die Welt, gegen ihre Verehrer, stürzt sich in die Arbeit, als leitende Angestellte.

Audrey Tautou spielt sie, traurig, allein, aber immer noch mit der ewig jugendlichen "Amélie" in sich, selbst eine Dekade nach ihrem großen Durchbruch. Diese Nathalie ist eine Frau geworden, die nicht mehr verführt, sondern verstanden werden will.

Und der Kandidat, der das am besten kann, ist der von allen belächelte Markus, ein Schwede, der nach Paris gezogen ist, und für seine Kollegen, die überdrehten Franzosen, nur zu einer Erkenntnis als Beweis dient: Schweden, das kann kein Land zum Leben sein.

Ein schräges Paar

In Nathalie und Markus ist ein klassisches odd couple geschaffen, ein schräges Paar, wie es der Film liebt, um Drama und Komödie ineinanderfließen zu lassen - nach eben diesem Prinzip funktioniert auch ein anderer französischer Film, "Ziemlich beste Freunde", der gerade die Kinos besetzt hält.

Es ist nicht unbedingt die Feinheit der Empfindungen, um die es in dieser Lovestory geht, die "Délicatesse", auf die der Originaltitel verweist. Keine Lehrjahre des Gefühls, sondern eine Lektion über die Zeichen der Liebe.

Der zugrundeliegende Roman von David Foenkinos war ein Riesenerfolg in Frankreich - aber man spürt, dass das Sujet ins Kino gehört. Weshalb David es gemeinsam mit seinem Bruder Stéphane gleich selbst verfilmt hat. Die Lust aufs Kino - und die zahlreichen Lehrstunden darin, vor allem bei Truffaut - sieht man ihrem Film an. Und so lernen Nathalie und Markus, weit weg von den kitschigen Lichtern des Eiffelturms, in einem sonnendurchfluteten Garten, dass man nicht nur gegen die Vergangenheit leben kann, sondern auch mit ihr.

LA DÉLICATESSE, F 2011 - Regie: David und Stéphane Foenkinos. Buch: D. Foenkinos, nach seinem Roman. Kamera: Rémy Chevrin. Schnitt: Virginie Bruant. Mit: Audrey Tautou, François Damiens, Bruno Todeschini, Pio Marmaï, Mélanie Bernier, Marc Citti, Christophe Malavoy. Concorde, 108 Minuten.