Nahostkonflikt "Die Palästinenser sollten dieselben Menschenrechte bekommen wie wir alle"

Wie ist das für Sie, wenn Sie als Tel Aviverin nach Jerusalem kommen?

Das sind jedes Mal schwierige Besuche. Ich lebe in einer Stadt, in der man tolerant miteinander umgeht, in der Demokratie gelebt wird, die Menschen sind offen, jeder wird hier akzeptiert. Jerusalem ist sehr weit weg von diesem Lebensstil. Die Stadt teilt mehr, als das sie zusammenführt. Wenn ich durch das Viertel Mea Shearim der ultraorthodoxen Juden gehe, muss ich mich züchtig kleiden. Ich kann da nicht sein, wie ich bin. Jerusalem ist eine geteilte Stadt, in der seit 50 Jahren Besatzung gelebt wird. Das schafft keine gute Energie.

Nicht wenige Israelis empfinden genau das Gegenteil und verehren Jerusalem.

Ich nicht. Jerusalem ist selbst für uns Juden ein Ort voller Checkpoints und Mauern. Meine Familie wurde im Zweiten Weltkrieg deportiert und ermordet wegen ihrer Religion. Umso weniger kann ich es ertragen, dass in einer Stadt wie Jerusalem Menschen leiden, weil sie keine Juden sind.

Was, glauben Sie, hat die US-Regierung dazu bewogen, Jerusalem als Hauptstadt anerkennen zu wollen?

Wir kennen doch Trump und wissen längst, dass er mit dieser Entscheidung keine besondere Agenda verfolgt. Trump zündelt gerne. Er zündet ein Streichholz an, wer weiß, was für ein Feuer seine Absicht entfachen wird. Zurück bleiben nur Fragen: Was wird sich morgen ändern? Bringt uns das einen Krieg?

(Foto: dpa)

Für Ihr jüngstes Buch haben Sie in Ost-Jerusalem und in den angrenzenden Palästinenserorten recherchiert. Was haben Sie dort beobachten können?

Ich habe mit eigenen Augen gesehen, dass die israelische Regierung alles unternimmt, um die Mobilität der Palästinenser und die Freiheit ihrer Seelen zu beschneiden. Der israelische Staat raubt ihnen ihre Identität.

Fürchten Sie sich vor den "Tagen des Zorns", mit denen Palästinenser gegen Trumps Dekret protestieren wollen?

Sie sind der Erste, dem ich meine noch frischen Gedanken mitteile. Die Palästinenser sollten dieselben Menschenrechte bekommen wie wir alle. Sie sind integraler Bestandteil von Jerusalem, ihnen stehen Erziehung, Kultur, Bewegungsfreiheit und auch eine Flagge zu. Vielleicht geschieht ja ein Wunder, jetzt, so kurz vor Chanukka, und Trumps Entscheidung führt nicht in den Krieg. Auch ich war blind und habe bis vor Kurzem nur die Geschichte unseres jüdischen Volkes zum Maßstab für alles genommen. Wir Juden, die wir uns immer beschweren, dass uns niemand im Zweiten Weltkrieg geholfen hat, haben die Verantwortung, zu sehen, zuzuhören und dem Feind die Hand zu reichen.

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