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Nahostkonflikt "Der israelische Staat raubt ihnen ihre Identität"

"Die Stadt mag schön sein", sagt Lizzie Doron, "in meinen Augen ist sie aber eher Museum als lebendige Stadt, in der man leben möchte."

(Foto: REUTERS)
Die israelische Autorin Lizzie Doron lebt in Tel Aviv und Berlin - aber sie kennt die bedrückende Realität der Palästinenser im Ostteil der Stadt.
Interview von Thorsten Schmitz

Lizzie Doron gehört zu den bekanntesten Schriftstellerinnen in Israel. In ihren ersten Büchern, die autobiografisch gefärbt waren, hat sie sich mit den Traumata von Holocaust-Überlebenden auseinandergesetzt und sich so eine große Fangemeinde erschrieben. Ihr jüngstes Buch aber, "Sweet Occupation", wurde in Israel nicht veröffentlicht, sondern nur in Deutschland. Viele israelische Verlage lehnten es ab, den Text zu drucken, in dem sie Palästinenser zu Wort kommen lässt und ehemalige Soldaten, die heute die Besatzung kritisieren. Doron lebt in Tel Aviv und Berlin.

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SZ: Haben Sie inzwischen einen israelischen Verlag gefunden, der Ihr Buch "Sweet Occupation" druckt?

Lizzie Doron: Nein, man druckt mich in Israel nicht, weil mein Thema jetzt nicht mehr der Holocaust ist, sondern die Geschichte unseres Feindes, der Palästinenser. Wer aber, wie ich, die Perspektive wechselt und anstatt über jüdische Narrative zu schreiben, die Geschichte der Palästinenser erzählt, der gilt als Verräter. Ich gehöre jetzt zu den Bösen. Von mir möchte man Bücher über die zweite Generation von Holocaust-Überlebenden lesen, nicht über die bedrückende Realität im Westjordanland und im Ostteil Jerusalems.

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Haben Sie Ihr Buch denn auf Arabisch veröffentlichen können?

Nein, leider auch nicht. Es macht mich sehr traurig, dass genau die Menschen, also Israelis und Palästinenser, die mein Buch lesen müssten, es nicht lesen können.

Wie erklären Sie sich das?

Bei so beladenen Themen wie der Besatzung und der Frage, wie diese Besatzung den Menschen schadet, ihn korrumpiert, zögern Verleger. Manche israelischen Verlage haben mir gesagt, das Buch würde niemand kaufen. Ich glaube auch, dass arabische Verlagshäuser Angst haben, eine israelisch-jüdische Schriftstellerin zu drucken, selbst wenn es in meinem Buch ja um die Besatzung geht.

Wie nimmt man in Israel die Absicht Trumps auf, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen?

Klar ist, hier hat jeder zu diesem Thema eine Meinung. Mit Jerusalem verbinden viele Israelis Sieg und Freude, die meisten Palästinenser dagegen Angst und die Frage: Was wird morgen sein? Ich habe ja das Privileg, in Berlin und in Tel Aviv zu leben, schaue also auch ein bisschen aus der Vogelperspektive auf meine Heimat, in der Korruption, Bestechung und der zunehmende Einfluss der Ultra-Orthodoxen auf den Alltag die Schlagzeilen beherrschen. Unser Land befindet sich in einem politischen Sturm. Jerusalem ist da wie ein Trigger. Trump spielt in dieser Gemengelage mit dem Feuer.

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Was halten Sie von Trumps Vorstoß?

Er erfüllt mich mit Besorgnis. Ich frage mich, welche Absicht er verfolgt, ausgerechnet jetzt solch eine Ankündigung zu machen. Ich fürchte mich vor Führern wie ihm. Ich bin auch kein Mensch, der tiefe Verbindungen empfindet zu Orten. Ich fühle mit Menschen. Ich sammele Geschichten von Menschen, und es ist mir wichtig, dass alle Menschen dieselben Rechte haben. Ich möchte, dass jeder das Leben leben kann, das er leben möchte. Die Palästinenser im Westjordanland und in Ost-Jerusalem können das nicht.

Welche Gefühle hegen Sie für Jerusalem?

Religiöse Empfindungen für einen Ort sind mir fremd. Die Stadt mag schön sein, in meinen Augen ist sie aber eher Museum als lebendige Stadt, in der man leben möchte. Sie zieht mich in die Vergangenheit und hindert einen auch wegen ihrer Bedeutung für die Weltreligionen daran, im Hier und Jetzt zu leben. Manche sehen wohl in so einem Schritt die Erfüllung eines Traums, aber manchmal sind in Erfüllung gegangene Träume nicht das Beste. Ich bin nicht in der Lage, mich über eine Hauptstadt Jerusalem zu freuen, während das Leben für 300 000 Palästinenser im Ostteil der Stadt die Hölle ist, weil sie keine Rechte besitzen und weil sie im Schlamm leben.

"Die Palästinenser sollten dieselben Menschenrechte bekommen wie wir alle"

Wie ist das für Sie, wenn Sie als Tel Aviverin nach Jerusalem kommen?

Das sind jedes Mal schwierige Besuche. Ich lebe in einer Stadt, in der man tolerant miteinander umgeht, in der Demokratie gelebt wird, die Menschen sind offen, jeder wird hier akzeptiert. Jerusalem ist sehr weit weg von diesem Lebensstil. Die Stadt teilt mehr, als das sie zusammenführt. Wenn ich durch das Viertel Mea Shearim der ultraorthodoxen Juden gehe, muss ich mich züchtig kleiden. Ich kann da nicht sein, wie ich bin. Jerusalem ist eine geteilte Stadt, in der seit 50 Jahren Besatzung gelebt wird. Das schafft keine gute Energie.

Nicht wenige Israelis empfinden genau das Gegenteil und verehren Jerusalem.

Ich nicht. Jerusalem ist selbst für uns Juden ein Ort voller Checkpoints und Mauern. Meine Familie wurde im Zweiten Weltkrieg deportiert und ermordet wegen ihrer Religion. Umso weniger kann ich es ertragen, dass in einer Stadt wie Jerusalem Menschen leiden, weil sie keine Juden sind.

Was, glauben Sie, hat die US-Regierung dazu bewogen, Jerusalem als Hauptstadt anerkennen zu wollen?

Wir kennen doch Trump und wissen längst, dass er mit dieser Entscheidung keine besondere Agenda verfolgt. Trump zündelt gerne. Er zündet ein Streichholz an, wer weiß, was für ein Feuer seine Absicht entfachen wird. Zurück bleiben nur Fragen: Was wird sich morgen ändern? Bringt uns das einen Krieg?

(Foto: dpa)

Für Ihr jüngstes Buch haben Sie in Ost-Jerusalem und in den angrenzenden Palästinenserorten recherchiert. Was haben Sie dort beobachten können?

Ich habe mit eigenen Augen gesehen, dass die israelische Regierung alles unternimmt, um die Mobilität der Palästinenser und die Freiheit ihrer Seelen zu beschneiden. Der israelische Staat raubt ihnen ihre Identität.

Fürchten Sie sich vor den "Tagen des Zorns", mit denen Palästinenser gegen Trumps Dekret protestieren wollen?

Sie sind der Erste, dem ich meine noch frischen Gedanken mitteile. Die Palästinenser sollten dieselben Menschenrechte bekommen wie wir alle. Sie sind integraler Bestandteil von Jerusalem, ihnen stehen Erziehung, Kultur, Bewegungsfreiheit und auch eine Flagge zu. Vielleicht geschieht ja ein Wunder, jetzt, so kurz vor Chanukka, und Trumps Entscheidung führt nicht in den Krieg. Auch ich war blind und habe bis vor Kurzem nur die Geschichte unseres jüdischen Volkes zum Maßstab für alles genommen. Wir Juden, die wir uns immer beschweren, dass uns niemand im Zweiten Weltkrieg geholfen hat, haben die Verantwortung, zu sehen, zuzuhören und dem Feind die Hand zu reichen.

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