Zweierlei Maß: Die Härte der Kritik an Israels Politik und die erstaunliche Milde im Urteil über die palästinensischen und arabischen Untaten.
Es ist längst Routine geworden, ein Ritual von Angriff und Gegenangriff, das der Gewalt im Nahen Osten in seiner Reflexhaftigkeit kaum nachsteht.
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Auf jeden israelischen Vergeltungsschlag wie jüngst auf die Hinrichtung des radikalen Scheichs Jassin, auf jede Verletzung des Menschen- und des Völkerrechts durch Israel folgt hierzulande nicht nur der leidenschaftliche Protest, sondern auch die bange Frage, ob diese Kritik überhaupt statthaft ist.
Andauernde Diskursanalyse
Darf man Israel kritisieren? Und wenn ja, wie? Solche Fragen liefern nicht nur Material für eine andauernde Diskursanalyse, sondern sorgen auch immer wieder für Verstimmungen zwischen Deutschland und Israel.
Europa, genauer: die EU, so klagte der israelische Botschafter in Deutschland, Schimon Stein, nach der Liquidierung des Scheichs, messe mit zweierlei Maß. Keiner habe sich empört, als der Hamas-Gründer Jassin den "großen Erfolg" von Selbstmordattentaten gepriesen habe. Von Israel aber erwarte man stets, dass es "vorsichtig und rücksichtsvoll" sein solle.
Man mag diesen Vorwurf berechtigt finden oder nicht, ganz sicher aber greift er in einem entscheidenden Punkt zu kurz. Denn in der kritischen Auseinandersetzung mit Israel liegt auf eine versteckte Art sogar so etwas wie Anerkennung. Die Empörung über jede neue Entgleisung der israelischen Politik speist sich ja gerade aus dem Gefühl, dass wir ein gemeinsames System von Werten und Normen teilen und dass Israel dieses auf verstörende Weise verletzt.
Die Maßstäbe, die wir an die israelische Politik legen, sind unsere eigenen. Die Vorwürfe gegen Israel - so weit sie nicht von antisemitischen Trittbrettfahrern kommen, die Israels Politik anprangern, aber in Wahrheit alle Juden meinen - treffen ein Gegenüber auf gleicher moralischer Augenhöhe.
Subtile Art
Dagegen fällt das Urteil über die arabische Welt oft sehr viel nachsichtiger aus, und darin liegt eine subtile Art von Herablassung. Zu Recht erwarten wir von der israelischen Öffentlichkeit, dass sie die inhumane Besatzungspolitik ihrer Regierung kritisiert, dass sie gegen deren Politik protestiert, die im Namen einer Ideologie der Sicherheit Unschuldige tötet und die Entrechtung und Verelendung von Millionen Menschen in Kauf nimmt.
Und wir sind enttäuscht, wenn diese Proteste ausbleiben. Doch in einem Konflikt, in dem auf beiden Seiten Unschuldige sterben, muss dieser Anspruch mit derselben Berechtigung an die Palästinenser gestellt werden, ja, an die arabische Welt.
Wo aber sind die arabischen Intellektuellen, die den Terror anprangern und die Korruption der palästinensischen Autonomiebehörde? Die ihre Stimme gegen das Geschäft mit den Selbstmordattentätern erheben, gegen die standrechtliche Hinrichtung vermeintlicher Kollaborateure, gegen die Knebelung der Pressefreiheit und die zynische Vermarktung des Todes für die anti-israelische Propaganda?
Wo überwindet ein arabischer Schriftsteller die sterile Routine des Antiamerikanismus zugunsten einer Selbstkritik, die nach all den Jahren in der Opferrolle wie eine Erlösung wirken würde? Wo sind die Stimmen in Palästina, in der arabischen Welt, die nicht nur Mitleid für die eigenen Toten fordern, sondern auch für jene der anderen Seite? Man findet sie kaum, schlimmer noch: man erwartet nicht einmal, sie zu finden, und viel zu selten wird dieser Mangel überhaupt als böses Defizit wahrgenommen.
Dass ein ansonsten eher kritikfreudiger Teil der deutschen Öffentlichkeit die arabische Welt so schonend behandelt, hat nicht nur mit Resignation zu tun und auch nicht nur mit dem Wissen um jene Radikalisierung, die nach Jahrzehnten der Unterdrückung nicht mehr überrascht. Vielmehr schwingt hier eine trügerische Rücksichtnahme mit, wie man sie gegenüber Menschen walten lässt, denen man nicht zu viel zumuten will, aber auch nicht viel zutraut, Patienten etwa oder auch Kindern.
Falsche Nachsicht
Es ist eine Art von Rücksichtnahme, die nicht entlastend, sondern entmündigend wirkt.
Die falsche, wenn auch gut gemeinte Nachsicht spielt sogar notorischen Islam-Kritikern wie Bernard Lewis in die Hände: Sie spricht dem öffentlichen Diskurs in der arabischen Welt die Kritikfähigkeit ab und legt nahe, dass im Mangel an Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, dass in einer korrupten Despotie, wie sie etwa in Ägypten herrscht, aber auch in der Palästinensischen Autonomiebehörde, dass sich in all diesen Miseren nicht beklagenswerte zivilisatorische Defizite geltend machen, die es zu überwinden gilte, sondern sich ein historisch gewachsener Zustand erhält, der aus einer generellen Reformunfähigkeit des Islam herrührt und sich auf absehbare Zeit nicht ändern wird.
Übrigens zeigt sich diese Beißhemmung nicht nur im Blick auf den Nahen Osten. Das belegten unlängst die Querelen um die Studie über Antisemitismus und Islamismus in Europa, die das Zentrum für Antisemitismusforschung im Auftrage eines EU-Instituts erstellt hatte - und aus Furcht vor islamfeindlichen Reaktionen fast nicht veröffentlichen durfte (SZ vom 29. November).
Eine der am häufigsten gebrauchten Wendungen im Dialog mit Israel lautet, dass man sich als Freund Israels begreife, und Freunde müsse man kritisieren dürfen. Auch der Dialog mit der islamischen Welt sollte durch freundschaftliche Kritik gefestigt werden.
(SZ v. 26.3.2004)
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