Nahaufnahme Fenster ins wahre Leben

Das Monopol zeigt Filme, die ruhig ein bisschen wehtun dürfen

Von Thomas Jordan

"Und gegen das Rascheln", Christian Pfeil macht eine kurze Pause, um die Spannung zu erhöhen, "haben wir uns auch eine Lösung einfallen lassen." In der einen Hand hält der Betreiber des Monopol-Kinos eine Tüte Kartoffelchips, mit der anderen reckt er triumphierend ein kleines, hellbraunes Frühstückskörbchen in die Luft. Chips und Flips gibt es in seinem Kino an der Schleißheimer Straße nur im Körbchen. Kein Zuschauer soll sich durch das Knistern der Plastikverpackung während des Films gestört fühlen.

Die Knabber-Innovation ist ein typischer Pfeil-Einfall. Der 46 Jahre alte Betreiber des 2014 als bestes bayerisches Programmkino ausgezeichneten "Monopol" sprüht nur so vor Ideen, wenn es darum geht, einen Rahmen zu schaffen, in dem sich die Zuschauer voll und ganz auf anspruchsvolle Filme konzentrieren können. "Bei uns kann man mal zwei Stunden vom Arbeitsalltag abschalten", sagt Pfeil. Als 2011 das legendäre, seit 2005 bestehende "Monopol" an der Münchner Freiheit schließen musste, beschloss der gebürtige Thüringer, der 1990 einen Studienplatz für Filmwissenschaften im Westen ergattert hatte, die alte Schwabinger Kegelbahn "Zum Erwin" zur neuen Heimat für Arthouse-Filme in München zu machen. "Sie können sich vorstellen, wie das hier früher aussah", sagt er. Dann kam der vor kreativer Energie nur so strotzende Pfeil, der bei aller Liebe zum Film nie vergisst, dass ein Kino auch ein Wirtschaftsbetrieb ist.

Christian Pfeil betreibt in München zwei Kinos, darunter das Monopol an der Schleißheimer Straße.

(Foto: Stephan Rumpf)

Er preist schon mal die "hervorragende Umwegrentablität" eines seiner Landkinos - das gute Bier lohne einen Abstecher. Zusammen mit seinem Kompagnon Markus Eisele zog er im Jahr 2011 schallgedämpfte Wände in die muffige alte Kegelbahn ein, schuf Platz für Stehtische und organisierte einen roten Teppich für die knapp fünfzig Premieren pro Jahr im Monopol. Pfeils Stimme wird noch ein wenig schneller als sonst, wenn er davon erzählt, was ihn an guten Filmen fasziniert: "Wenn Regisseure genau hingucken, die Kamera auch dann noch drauflassen, wenn es ein bisschen wehtut. Wenn mir ein Film ein Fenster aufmacht ins wirkliche Leben."

Die schlichte Eleganz der grauen Sichtbetonwände im Monopol-Untergeschoss passt zu Pfeils lässigem, graublauen Shirt. Mit den bordeauxroten Stehtischen ergibt das einen schönen Farbkontrast. Jeder der vier Kinosäle hier hat eine ganz eigene Note: Im Premierensaal mit den 105 Plätzen stechen gleich die mit Namen bedruckten, schwarzen Kinosessel-Überwürfe ins Auge. Für 500 bis 1000 Euro kann man sich eine einjährige Sitz-Patenschaft im Monopol-Kino kaufen. Das Logo der Münchner Constantin-Film hängt hier neben den Namen privater Filmliebhaber. Für die schwierigeren Filme, sagt Christian Pfeil, gebe es das kleine 52-Plätze-Kino und das fast schon wohnzimmerartige Studio mit Raum für 38 Kunstfilm-Connaisseure. "Und jetzt zeige ich Ihnen noch unseren Hammer", lockt einen Pfeil die schmale Betontreppe hoch ins Erdgeschoss: In der loungeartigen Kinobar stehen neben jedem der 32 breiten Sessel Schirmlämpchen und kleine Beistelltische für Getränke. Links von der mit einem roten Vorhang verdeckten Kinoleinwand schmiegt sich dezent die geschwungene Bar ins Eck. Das Ganze wirkt wie ein privates Kabarett aus den Zwanzigerjahren. Während der 46-Jährige, der in München auch noch das "Arena" an der Hans-Sachs-Straße betreibt, durch das Gebäude wirbelt und von seinem Kino schwärmt, tauscht er nebenbei den neuesten Filmklatsch mit Lysann Windisch aus. Sie ist eine von drei Kulturwissenschaftlerinnen, die im Monopol die Programmvorauswahl treffen und Spezialreihen vorbereiten. So zum Beispiel die gerade laufenden Filmkunstwochen, bei denen das Monopol mit dem Schwerpunkt "Beste gute Filme" Kinofilmen eine zweite Chance gibt, die im Mainstream-Kino nur kurz zu sehen waren.

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Münchens aktivste Arthouse-Kinos. SZ-Serie zu den Filmkunstwochen, Teil 6

Aber wie schafft man es, mehr als zehn Jahre lang werbefreies Kunstkino zu machen? "Genügsam sein", sagt Pfeil und gewinnt den geringen Margen in seinem Geschäft auch etwas Positives ab: "Wir haben alle hier den großen Vorteil, dass wir nicht so viel verdienen, dass wir den Blick für das Wesentliche verlieren würden. Hier arbeiten nur Leute, die Filme wirklich mögen." Der puristische Ansatz, mit dem der pragmatische Christian Pfeil und seine junge Mitarbeiter-Crew an Kunstfilme herangehen, zeigt Wirkung: Mehr als eine halbe Million Zuschauer konnten sie auf diese Weise schon in den von außen so unscheinbaren Betonbau an der Schleißheimer Straße 127 locken.

Als es dann beginnt, das schwierige französische Beziehungsdrama, für das man sich entschieden hat, hierher zu kommen, herrscht im heimeligen Studio fast schon ehrfürchtige Stille. Denn ordinäres Popcorn ist im Monopol gleich ganz verboten.