Eine Nachtkritik von Thomas Becker

Nach einem langen Fußball-Abend setzt die ARD noch einen drauf. Das wäre aber wirklich nicht nötig gewesen.

Das Abendprogramm der ARD konnte sich mal wieder sehen lassen. Frankreich - Rumänien war noch eher was zum Warmgucken. Dann aber das Fußballfest mit Niederlande - Italien und danach noch Kurt Krömer sowie Woody Allen mit seinem legendären Streifen "Die letzte Nacht des Boris Gruschenko": großer Sport!

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Waldemar Hartmann und sein "EM-Club". Der Moderator lieferte schon 2006 zur WM eine Nachbereitung der Spiele. (© Archivfoto: ddp)

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Nur dieses halbgare Dreiviertelstündchen vor Mitternacht wollte nicht so recht in dieses erstklassige Programm passen: "Waldis EM-Club", die Fortsetzung der WM-Variante von vor zwei Jahren.

Und weitgehend die Fortsetzung der zuvor fast einstündigen, ermüdenden Netzer-Delling-Totalanalyse - mit fast denselben Mitteln: ein paar gut abgehangene Flachpass-Experten und - immerhin - ein Kabarettist aus der Abteilung Esprit, der auch mal steil gehen kann.

Toni Polster, Hansi Müller und Urban Priol hatte Waldemar Hartmann zur Viererkette neben sich aufgereiht und das vor prima Kulisse: Was im Hintergrund wie Fototapete aussah, war tatsächlich der nächtlich hell erleuchtete Stephansdom im 1. Wiener Bezirk. Immer wieder schön.

Immer wieder entbehrlich dagegen das anfängliche Fankurvengegröle des österreichischen Auditoriums, das bei dieser Art von Sendungen offenbar unvermeidlich ist. Klar, es ist schon spät, und wer bis dahin noch kein Bier getrunken hat, geht trocken nach Hause - und wer tut das schon, wenn EM ist?

So weit, so gewöhnlich. Das Problem mit diesen irgendwie lustig gemeinten Fußball-Nachbereitungen ist, dass sie alles sind, nur nicht lustig. Dass es ihnen an einer Idee gebricht, an einem Konzept. Waldemar Hartmanns Konzept geht so: Reden wir mal über Fußball, irgendwas Lustiges wird schon irgendjemand einfallen.

Österreich, deine Helden

Doch selbst eine wandelnde Sprüche-Schleuder wie Toni Polster ("Ich habe es mir sehr genau überlegt und dann spontan zugesagt." Oder: "Ein Denkmal will ich nicht sein, darauf scheißen ja nur die Tauben.") schafft das nicht immer spontan und ohne Stichwort.

Immerhin jubelt ihm das Publikum bei jedem Satz zu, ganz egal, was er sagt. Er könnte wahrscheinlich auch sagen: Pepi Hickersberger ist ein Zniachtl - also ein Versager - und die Fans würden grölen vor Begeisterung. Österreich, deine Helden.

Bei Hansi Müller ist es anders. Zwar hat er lange in Tirol gelebt und für Innsbruck gekickt, doch für Wiener Fußballfans bleibt er halt ein Deutscher, womit sich der weitaus geringere Ausschlag des Applausometers erklärt. Zudem ist er noch stärker im Floskel-Land daheim als seine Mitstreiter - aber das passiert ja schnell in diesem Allerweltssport Fußball, von dem jeder Stammtischbruder mindestens so viel Ahnung hat wie der jeweilige Bundestrainer. Erstaunlich an Müller war lediglich die Tatsache, dass selbst so schöne Menschen wie er irgendwann mal grau und müde werden.

Mit einem erwartbaren, aber dennoch entbehrlichen Sparwitz über den Zusammenhang von Polen und Diebstahl holte er sich schließlich noch eine gelbrote Karte ab. Einmal aussetzen!

Das Weißbier in Griffweite

Bleibt noch Priol. Der schaute zuweilen aus der Wäsche, als wüsste er auch nicht mehr so genau, was für eine verlorene Wette ihn in diese Runde gespült hatte. Immerhin: Das obligatorische Weißbier stand in Griffweite. Die Feststellung, dass er als Einziger im EM-Club imstande war, einen originellen Gedanken zu formulieren, adelt ihn nur bedingt.

Die Vorschau zur Partie Frankreich - Italien klingt bei ihm so: "Wenn der Bonsai-Duce Berlusconi auf den gallischen Hahn Sarkozy trifft, dann muss das Stadion wegen Testosteron-Alarm geschlossen werden."

Und Gastgeber Waldi H. aus M.? Trug kaum mehr zum Gelingen des Abends bei als die gängigen, schon zigmal durchgenudelten Phrasenschweinweisheiten und die Anmoderation der immergleichen Einspieler: "Schauen wir uns noch mal die Tore an." Wie in den zweieinhalb Stunden zuvor schon.

Mehr war nicht. Wirklich nicht. Aber es geht ja weiter. Heute abend mit Michael Rummenigge, Django Asül und dem Wettermann Kachelmann. Und danach wieder Woody Allen: "Innenleben" und "Der Schläfer". Sehr komisch, zumindest der zweite Allen-Film. Andererseits: Die Stunden vor Mitternacht sollen rein schlaftechnisch ja die gesündesten sein.

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(sueddeutsche.de/gdo/bavo)