Von Ruth Schneeberger

Christoph Schlingensief ist wieder ganz bei Gott - und Elke Heidenreich versteht ihn. Bei Beckmann geht es um Sein oder Nichtsein. Eine kleine Nachtkritik.

Was ist eine Krankheit, und woher kommt sie? Müssen wir uns selbst die Schuld geben für eine ungesunde Lebensführung? Dürfen wir sie als letzte Mahnung unseres Schöpfers verstehen, innezuhalten, bevor uns der Kosmos auf ewig verschlingt? Oder trifft sie zufällig jeden dritten Europäer, der zu viel fette Wurst isst, während er sich beim nächtlichen Online-Surfen auf der Suche nach innovativen Fitness-Angeboten die Augen verdirbt?

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"Man steht vorm Spiegel und sagt: So'n Scheiß!": Elke Heidenreich und Christoph Schlingensief, gemeinsam zu Gast bei Beckmann. (© Foto: dpa)

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Weil wir alle ein mehr oder minder gesundes Interesse daran haben, nicht vorzeitig den Löffel abzugeben, ist es geradezu ein menschliches Grundbedürfnis, Christoph Schlingensief bei "Beckmann" in der ARD zu beobachten.

In einer TV-Talkshow, die an chronischem Desinteresse des Moderators an seinem jeweiligen Gegenüber krankt, ist der ehemalige Skandal-Regisseur genau an dem Tag zu Gast, an dem sein Buch auf den Markt geworfen wird: "So schön wie hier kann's im Himmel gar nicht sein!" Und das ist nicht Schlingensiefs Kommentar zu Beckmanns Sendung. Es geht um sein "Tagebuch einer Krebserkrankung".

Wir sind ja nun schon daran gewöhnt, von Prominenten, die eigentlich etwas anderes machen, mit Büchern über ihr Innerstes versorgt zu werden. Das muss nicht schön sein (siehe Oliver Kahn), das muss nicht bedeutend sein (siehe Bushido), es darf auch ruhig eklig sein - siehe Charlotte Roche. Schlingensiefs neuestes Werk ist dann aber doch mehr:

"Ich bin aggressiv"

Dass der Künstler schwer erkrankt ist, dass die Ärzte im Jahr 2008 bei ihm, der niemals rauchte, Lungenkrebs diagnostizierten, ihm die Hälfte seiner Lunge und Teile des Zwerchfells entfernten, um danach weitere Metastasen aufzuspüren, all diese für ihn sehr traurigen Nachrichten hat Schlingensief schon in der Ready-Made-Oper "Mea Culpa" und im Theaterstück "Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir" verarbeitet - mit Hilfe der Tagebucheintragungen, die er 2008 auf Band sprach.

Nun können wir diese in überarbeiteter Form also auch lesen: "Ich bin aggressiv, aber eigentlich bin ich tot. Heute Abend könnte ich wirklich mit einem Knüppel durch die Stadt laufen und alles kurz und klein schlagen. Ich bin so beleidigt, so dermaßen beleidigt und verletzt von diesem Ding."

Oder: "Ich werde die Entscheidung treffen müssen, ob ich mir in den Kopf schieße, habe aber keine Pistole; ob ich in die Badewanne steige und mir einfach die Adern aufmache; oder ob ich irgendwie aus dem Fenster falle, dazu ist es hier aber nicht hoch genug. Oder ob ich hoffentlich Tabletten kriege und irgendwas anderes: Denn der Lebenswille, den ich die ganze Zeit geheuchelt habe, dieses Gefühl von, ja, der Christoph, der hat Kraft, der macht's - das ist vorbei."

Das ist keine neue Skandal-Lektüre. So etwas liest man nicht zur Guten Nacht. Es sind die intimen Bekenntnisse eines Verzweifelten, eines Mannes, der dem Tod noch einmal von der Schippe gesprungen ist - und es ist auch Selbstbespiegelung, Suhlen im Elend, Anklage an die Welt.

Wie also schlägt sich Schlingensief nun in der Sendung? Müssen wir sein Krankheits-Theater als narzisstischen Ego-Trip verstehen, oder können wir daraus etwas lernen? Und hat die Krankheit das ehemalige Lieblings-Enfant-terrible des Kulturbetriebs verändert?

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Lebt denn der alte Schlingensief noch, und hat Elke Heidenreich noch was zu melden?

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  1. Sie lesen jetzt Und sie kennen sich seit tausend Jahren
  2. "Was willst du eigentlich?"
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