Nachruf Zum Tod des Musikers Josef Anton Riedl

Der Komponist, Pädagoge und Klangkünstler Josef Anton Riedl suchte unermüdlich nach noch nie da gewesenen Klängen.

Von Helmut Mauró

Er konnte Politikern und Journalisten und allen, von denen er glaubte, dass sie etwas bewegen könnten, in kurzer Zeit klarmachen, dass sie etwas bewegen müssten. Und zwar sofort. Josef Anton Riedl war nicht nur eine Münchner Größe in Sachen Neuer Musik und insbesondere elektronischer Musik, sondern ein früh global denkender Pionier unerforschter Klänge und überraschender Klangmittel. Er liebte es, sich selbst zu überraschen mit abwegigen Ideen und einer lausbubenhaften, grundfrechen Haltung - auch der musikalischen Avantgarde gegenüber, die es sich in Institutionen und Stipendien gemütlich gemacht hatte und glaubte, sich in alten Errungenschaften dauerhaft einrichten zu können.

Darüber konnte er lange und in manchmal nur mühsam aufrechterhaltener Bescheidenheit reden, zu späterer Stunde auch ungehalten werden. Allerdings nie persönlich. Riedl war bei aller Schärfe seiner Visionen von Zukunftsmusik immer ein versöhnlicher Mensch der Gegenwart, darin erstaunlich pragmatisch. Mit den Fördermitteln der Stadt München wusste er hauszuhalten, seine regelmäßigen Konzertveranstaltungen "Klang-Aktionen" waren legendär, brachten nicht nur neue Klangvorstellungen unter das Publikum, sondern auch neue Leute, die sich aktiv beteiligten. Ähnlich wie Carl Orff, einer seiner Mentoren, engagierte Riedl sich für die kommende Generation. Er wollte den potenziellen Nachwuchs begeistern und dazu ermuntern, Eigenes zu schaffen. Er nahm den Jungen die Angst, etwaigen Kunstansprüchen nicht zu genügen oder das selbst spielerisch Entdeckte als nicht originell genug abzutun.

Besonders in den letzten Jahrzehnten widmete Riedl dieser Arbeit viel Zeit und Energie, ließ in seiner Konzertreihe anderen den Vortritt, ging in die Schulen, brachte die Schüler auf die Bühne des Carl-Orff-Saals im Münchner Gasteig, überzeugte sie davon, dass man auch mit kleinen Schritten für sich und andere etwas Sinnvolles zustande bringt. Riedl legte eine zeitlos jugendliche Begeisterung an den Tag, ganz so, als blicke man noch immer über die Trümmerhaufen des Krieges in die Ferne und sähe überall nur Möglichkeiten, etwas aufzubauen. Dabei ließ er sich von eher unkonventionellen Komponisten leiten, von Pierre Schaeffer etwa und der Musique concrète, der Verwendung von vorbespielten Tonbändern, von Edgar Varèse, dem freien Umgang mit Tonsystemen, Stimmungen, der Abwesenheit von Notation und allem, was nur entfernt nach Beschränkung und Bevormundung aussieht. Und als die Firma Siemens an Carl Orff herantrat für ein Stück elektronischer Musik, empfahl dieser den unbekannten jungen Riedl, der bereits in Paris und Köln Erfahrungen damit gesammelt hatte und nun das legendäre Siemens-Studio für elektronische Musik aufbaute.

Die wurde eine seiner ästhetischen Säulen. Daneben gab es aber auch die Neugier auf außereuropäische Musik, fremde Instrumente und die Begeisterung, selber neue Klangquellen zu erfinden oder Alltagsgegenstände dafür umzudeuten. Ein weiteres Feld war die kunstvolle Collage, in der das Original seine Bedeutung behalten durfte, seien es Klänge oder Texte anderer Künstler, und gleichzeitig in neuem Kontext neue Wirkung zeitigten. Unverkennbar auch darin: Seine Wurzeln im Schlagwerk. Im Jahr 1927 hatte er mit eigenwilligen Schlagzeug-Kompositionen begonnen, später besuchte er die Musikhochschule, wurde von Karl Amadeus Hartmann und Hermann Scherchen gefördert, und war im akademischen Betrieb doch nie zu Hause. Sein künstlerisch-menschlicher Freiheitsdrang war dafür zu stark. Am Freitag, dem 25. März, starb Josef Anton Riedl im Alter von 86 Jahren in Murnau.