Nachruf Revolutionär des echten Klangs

Undiplomatisch, unermüdlich, unersetzlich: Nikolaus Harnoncourt (1929-2016), der Pionier der Alten Musik.

(Foto: Barbara Gindl/dpa)

Kaum jemand erschütterte die klassische Musikszene so wie er: Zum Tode des österreichischen Cellisten, Dirigenten, Weltstars und Pioniers der historischen Aufführungspraxis Nikolaus Harnoncourt.

Von Reinhard J. Brembeck

Es war einmal ein junger Cellist, der 1952 bei den seinerzeit von Herbert von Karajan geleiteten Wiener Symphonikern aufgenommen wurde. Karajan war damals noch keine musikalische Weltmacht, sondern ein von Arturo Toscanini inspirierter Feuerkopf, und der junge Cellist war noch nicht jener Nikolaus Harnoncourt, der in den nächsten Jahrzehnten die Klassikszene erschüttern sollte.

Und doch interessierte sich dieser Harnoncourt, der am Nikolaustag 1929 in Berlin geboren wurde und mit der Familie bald ins österreichische Graz übersiedelte, sehr früh sehr viel grundlegender für die Musik als seine Kollegen: Auf welchen Instrumenten spielten Mozart oder Monteverdi? Was bedeutete einst ein Largo und ein Allegro? Wie hält man einen Barockbogen? Wie klingt das historische Blasinstrument Zink?

Vor allem aber interessierte er sich für eine musikalische Rhetorik, die bis ins späte 19. Jahrhundert für alle Komponisten verbindlich war, aber dann vergessen wurde. Es ist jene Klangrede, die auch im Titel seines berühmtesten Buches "Musik als Klangrede" auftaucht. Für Harnoncourt, der bald schon als Ensembleleiter und Dirigent Furore machte, hieß dies, dass jeder Akkord, jede Phrase, jedes Motiv eine genau umrissene Bedeutung hat und außerdem rhetorischen Regeln unterworfen wird. Gerade in Wien war dieses Wissen längst im puren Schönklang versunken. Harnoncourt aber wollte zurück zur ursprünglichen Bedeutung von Mozarts und Monteverdis Musik. Zudem verstand er die Werke der Klassiker als existenzielle Diskurse, in denen jede noch so kleine Note sinnstiftend gemeint war.

Seine Aufführungen sprangen die Zuhörer an, drängten ihnen die Noten auf. Viele schreckte das ab

Seine Aufführungen sprangen die Zuhörer geradezu an, zwangen ihnen die Bedeutung jeder Note fast physisch auf. Sein Ansatz fand begeisterte Anhänger unter den Skeptikern eines kulinarischen Mainstreams, verschreckte aber all jene, die genau diesen erwarteten. Harnoncourt dirigierte mit der Unbedingtheit eines Propheten, und sein Mozart war nicht betörend und elysisch, sondern ein kraftvoll zupackender Revolutionär, der jede Geste als Kampfansage in den Raum stellte. Die Ohren ausputzen, nannte Harnoncourt sein höchstes Ziel.

So war das auch im Sommer 2002, als der gern polemische, nie diplomatische Harnoncourt endlich über den ihm jahrzehntelang feindlichen österreichischen Musikbetrieb triumphierte. Er dirigierte Mozarts "Don Giovanni", es war die Eröffnung der Salzburger Festspiele, und er stand am Pult der Wiener Philharmoniker. Weiter kann es ein Musiker nicht bringen, zumindest nicht in Österreich. Der Star des Abends hätte übrigens Thomas Hampson in der Titelrolle sein sollen, aber er wurde deklassiert von einer jungen Sängerin, die an diesem Abend weltberühmt wurde: Anna Netrebko. Sie begegnete den im zweiten Teil unfassbar breit werdenden Tempi des Dirigenten mit einer stupenden Leichtigkeit. Gerade in seinen letzten beiden Jahrzehnten tendierte Harnoncourt dazu, Bedeutung durch langsame Tempi herzustellen. So erinnerte sein Musizieren an den späten Furtwängler, gerade in Ludwig van Beethovens sperrig ausladender "Missa solemnis". Bereits 1976 hatte sich Harnoncourt mit seinem legendären Züricher Monteverdi-Zyklus den Ruf als unkonventionellster und interessantester Meister der damals erst aufkeimenden historischen Aufführungspraxis erworben, aber seinen endgültigen Durchbruch erzielte er mit der 1992 auf CD erschienen Gesamteinspielung der Beethoven-Sinfonien.

Der Ohrausputzer Harnoncourt und der Revolutionär Beethoven gingen dabei eine beeindruckend geerdete Symbiose ein, die sogar altgediente Karajan-Anhänger schwanken ließ. Nur Harnoncourts Kollegen in der Alte-Musik-Szene, allen voran sein größter Konkurrent John Eliot Gardiner, waren befremdet, dass er die Streicher des Chamber Orchestra of Europe auf modernen Instrumenten, die Blechbläser aber auf Instrumenten der Beethoven-Zeit spielen ließ. Dieses Zwitterhafte war typisch. Harnoncourt argumentierte, dass es genauso viel Arbeit für ihn sei, ein nur auf alten Instrumenten musizierendes Ensemble zu Beethoven hinzuführen wie ein modernes Orchester, letzteres aber meist besser spiele. Also arbeitete er leidenschaftlich gern mit dem Amsterdamer Concertgebouw Orchester, auch mit den Berliner Philharmonikern, dagegen war die Zusammenarbeit mit den Wienern nie sehr harmonisch.

Aber nicht nur die modernen Orchester hatten es ihm angetan, sondern auch ganz der modernen Aufführungspraxis verpflichtete Meistermusiker, neben Netrebko Edita Gruberova, Thomas Hampson oder Lang Lang. Nach und nach wagte er sich auch über Beethoven hinaus, entdeckte Robert Schumann als einen artverwandten Haderer mit den Umständen, dirigierte Brahms, Johann Strauss (Sohn), Béla Bartók, ja sogar Bizets "Carmen", Offenbachs "Belle Hélène" und Gershwins "Porgy and Bess".

Am liebsten waren Harnoncourt, wenig überraschend, die großen sperrigen Stücke. Dann lief er zu Höchstform auf. Zwei Sternstunden sind auf DVD dokumentiert. Einmal Carl Maria von Webers "Freischütz", ein Stück, das musikalisch wie szenisch regelmäßig auf den Bühnen scheitert. 1993 aber hat Harnoncourt zusammen mit der ähnlich radikalen Regisseurin Ruth Berghaus daraus eine fesselnde Menschenstudie gemacht, die in jedem Takt die Doppelbödigkeit von bürgerlich religiöser Wohlanständigkeit und archaisch dämonischem Faustrecht deutlich macht. Und dann ist da noch die Inszenierung von Robert Schumanns einziger Oper "Genoveva", die Harnoncourt 2008 wiederbelebte und zusammen mit dem Regisseur Martin Kušej auf die Bühne brachte. Offenbar erkannte der Musiker sich und seinen dornigen Weg in die Klassikszene in der Geschichte der von der Gesellschaft geächteten Genoveva. Wer ermessen will, welch unbedingter, in seinen besten Momenten genialer Dirigent Harnoncourt war, der sollte sich diese beiden DVDs anschauen.

Erst in den letzten Jahren besann sich Harnoncourt anders. Da ging er daran, die klassischen Kernstücke seines Klangdenkens, vor allem Mozart und Beethoven, endlich auch mit seinem Ensemble Concentus Musicus zu erarbeiten. Diese auf historischen Instrumenten spielende Truppe hatte er 1953 gegründet, zusammen mit seiner dort bis zuletzt als Konzertmeisterin spielenden Frau Alice, seiner Muse, Managerin und Beraterin. Mit dem Concentus erforschte Harnoncourt die Musikgeschichte, gemeinsam nahmen sie einen Großteil der Bach-Kantaten auf, die Monteverdi-Opern, Mozarts geistliche Musik genauso wie die Joseph Haydns. Für dessen kaum beachtete Opern entwickelte er eine besondere Vorliebe. Kaum ein Musiker hat mehr Platten gemacht als Harnoncourt.

Nun endlich ging er daran, erstmals auch die großen Mozart-Opern und Beethovens Sinfonien mit dem Concentus aufzuführen, teilweise auch einzuspielen. Es war ein spätes Heimkommen und wirkte wie eine letzte Kurskorrektur. Zumindest für die drei letzten Mozart-Sinfonien, die er 2014 aufnahm, muss man sagen: Er betrat noch einmal Neuland. Harnoncourt fasste die drei Stücke als ein zusammengehöriges "Instrumental-Oratorium" auf, das gleich zwölf Musikkontinente erforschte.

In den letzten Jahren aber schwand seine einst so titanische Kraft und verließ ihn vollends in der Adventszeit im vergangenen Jahr. Noch einmal probte er Bach mit dem Concentus. Am Tag vor seinem Geburtstag aber gab er, der nie einen Taktstock benutzt hatte, auf: "Meine körperlichen Kräfte gebieten eine Absage meiner weiteren Pläne", schrieb er an sein Publikum. Am Samstag ist Nikolaus Harnoncourt im Alter von 86 Jahren gestorben.