Nachruf Matthias Kroß ist gestorben

Matthias Kross, geboren 1953 in Osterode am Harz, langjähriger Referent am Einstein Forum in Potsdam.

(Foto: imago stock&people)

Er war ein Kenner des Werks von Ludwig Wittgenstein und selber ein philosophischer Kopf. Jetzt ist Matthias Kroß, der das Einstein-Forum in Potsdam prägte, plötzlich gestorben.

Von Lothar Müller

Es gibt Menschen, die sich in irgendeinem Wissensgebiet sehr, sehr gut auskennen und doch nicht im Spezialistentum verlieren. Zu diesem Typus gehörte Matthias Kroß. Seit seinem großen Buch "Klarheit als Selbstzweck" (1993) war er weithin als Kenner und Interpret des Philosophen Ludwig Wittgenstein anerkannt. Den Ideenhimmel platonischer Wesenheiten und Letztbegründungen gab es in diesem Buch nicht mehr. Es folgte dem Denken Wittgensteins vom "Tractatus logico-philosophicus" bis zu den "Philosophischen Untersuchungen" und machte der Klarheit, die es im Titel trug, alle Ehre, wenn es zeigte, wie Wittgenstein in der Hinwendung zum "Sprachgebrauch des Lebens" alle Metaphysik und Ontologie unterminierte, wie seine "Abkehr vom philosophischen Vernunftbegriff" mit der "Hinwendung zur Untersuchung menschlicher Praxis" verbunden war.

Seit diesem Buch war die "Offenheit gegenüber einer Vielzahl von Lebensformen" das Zentralmotiv im Denken von Matthias Kroß, nicht nur in der Wittgenstein-Lektüre, seinem Basislager, von dem aus er die Übersetzungstheorie Walter Benjamins in den Blick nahm oder, als Herausgeber der "Wittgensteiniana", die Verbindungslinien zwischen Wittgenstein und der Mathematik, zur Flugzeugtechnik und zum Ingenieurswesen überhaupt.

Bei ihm selbst schloss diese Offenheit eine Vielzahl von Äußerungs- und Darstellungsformen ein. Das heißt vor allem, dass sein Denken nicht an die Schriftform gebunden war, sondern nie die Verbindung zu einer der ältesten Erkenntnisquellen verlor, zur Mündlichkeit und zum Gespräch. Vielleicht war seine Neigung zur Entwicklung von Gedanken beim Sprechen und Zuhören eine lebenspraktische Konsequenz des theoretischen Interesses an Wittgensteins Wendung zum "Sprachgebrauch des Lebens".

Sein Arbeitsfeld suchte und fand er an der Schnittstelle zwischen scientific community und allgemeinem Publikum. Fast ein Vierteljahrhundert war er wissenschaftlicher Referent am Einstein Forum im Potsdam, organisierte Tagungen, leitete Diskussionsrunden, zugleich schrieb er Rezensionen für Tageszeitungen, darunter auch die Süddeutsche Zeitung, lehrte an der Universität Potsdam, reiste als Gastprofessor nach Wien oder Santiniketan, Indien.

Im Frühjahr schrieb Matthias Kroß an diese Zeitung, er werde nun die Zeit finden, über Wittgensteins jüngst erschienene Vorlesungen aus den Dreißigerjahren zu schreiben. Ende Juni verabschiedete ihn das Einstein Forum Potsdam in den Ruhestand. Erst jetzt wurde bekannt, dass Matthias Kroß am 2. Juli plötzlich im Alter von 65 Jahren verstorben ist.