Nachruf Jazz-Geiger Hannes Beckmann gestorben

Die Violine führt im Jazz eher ein Nischendasein. Hannes Beckmann hat ihr auf virtuose Weise neue Wege eröffnet - ein "Teufelsgeiger".

Von Oliver Hochkeppel

Hannes Beckmann war stets ein Kämpfer, vielleicht auch, weil er, 1950 in Bielefeld geboren, genau in die 68er-Generation fiel. Aus welchem Holz er geschnitzt war, zeigte sich spätestens, als die Ärzte kurz vor seinem 50. Geburtstag Krebs diagnostizierten. Aufgeben, das kam nicht infrage für ihn, der sich sein Jurastudium, das er dem Musikstudium anschloss, als Straßenmusiker verdient hatte. Der sich Anfang der Siebzigerjahre in der Münchner Szene vom Progressive Rock zum Jazz und von kleinen Kneipen ins legendäre Domicile vorgearbeitet hatte. Und der dabei, obwohl er auch Gitarre und Schlagzeug gelernt hatte, an seinem Lieblingsinstrument festhielt, das im Jazz eher ein Schattendasein führte: der Geige.

Die erste Violine bekam er, als er sechs war. Es war Liebe auf den ersten Blick. Für die Früchte dieser Liebe darf man ihn getrost einen Pionier nennen. Zu Zeiten, als die Violine in der Gypsy-Nische festhing, öffnete er ihr die Wege zu afrokaribischer und südamerikanischer Rhythmik, nordamerikanischem Drive und klassischer Eleganz. Mit seiner Band Sinto ging das 1972 los, von 1985 an setzte er es im bis zuletzt bestehenden Hannes-Beckmann-Quartett mit der pointierten Einbeziehung südosteuropäischer Musik fort. Künstlerisch kulminierte das in seinem großen Weltmusikprojekt "Canto Migrando", in seinem Kompositionszyklus "Kreuzwegstationen" und in vielen multimedialen und avantgardistischen Arbeiten. Mit seiner Bahnhofskapelle brach er all dies auch bis in den Laienbereich herunter: Leben und Musik gehörten bei ihm immer zusammen. So war er nicht nur Dozent und Gastprofessor in München und Belgrad, sondern auch Mitbegründer der Jazzmusiker-Initiative München. Seinen letzten Kampf hat Hannes Beckmann in der Nacht zum Mittwoch verloren. Er wurde 65 Jahre alt.