Nachruf Hans-Horst Henschen gestorben

Er war der Übersetzer französischer Autoren wie Claude Lévi-Strauss, Roland Barthes und Michel Foucault - nun ist Hans-Horst Henschen mit 79 Jahren in München gestorben.

Von Fritz Göttler

Er hat in der besten, der gelehrtesten, der kühnsten Gesellschaft gelebt und gearbeitet, in der von Claude Lévi-Strauss und Philippe Ariès, Roland Barthes und Louis Althusser, Michel Foucault und Milan Kundera, Sergej S. Prokofev und Paul Virilio, Bouvard und Pécuchet und vielen anderen. Er hat sie alle ins Deutsche übersetzt, ihren Ruhm hierzulande gefördert, und er hat mit ihnen eine wunderbare Verbindung von unnachsichtiger Genauigkeit und jenem unerlässlichen Element Wahnwitz geteilt, die das moderne Denken braucht. Vom Urvater dieses Denkens Montaigne hat er keine Übersetzung geliefert, aber nachdrücklich eine adäquate gefordert, auch in dieser Zeitung. Und es war nicht schwer, diese beiden Denker zusammenzubringen, in ihrem Profil und in der Art, wie sie sich auf die Welt und die Gesellschaft bezogen: "Diese Grunderfahrung des ,Schwankens', der ,Widersprüchlichkeit', der ,Unbeständigkeit', der individuellen wie der gesellschaftlichen Dinge . . . dieses Schwanken geht Hand in Hand mit dem paradoxen Gefühl persönlicher ,Geborgenheit'. . .". Ja, man konnte sich als Leser geborgen fühlen in den Büchern, die der 1937 in Osnabrück geborene Hans-Horst Henschen gestaltete, als Schreiber und als Übersetzer. 1997 erhielt er dafür den Johann-Heinrich-Voß-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

Er war bereit, immer nachzusetzen, selbst dem größten Aberwitz nachzuspüren - sogar den von Flauberts Superhelden Bouvard und Pécuchet hat er in aller Ausführlichkeit dokumentiert. 1972 hat er mit Reinhard Wetter den sportiven Wahnwirz beschrieben, in dem Buch "Anti-Olympia. Ein Beitrag zur mutwilligen Diffamierung und öffentlichen Destruktion der Olympischen Spiele und anderer Narreteien".

Er hat - kann es ein besseres Lob geben? - den Diskurs in Deutschland über Jahrzehnte gefördert. Diskurs, das Herzwort von Foucault, "das in seiner geradezu flirrenden Bedeutungsvielfalt von Rede, Aussageeinheit bis hin zu wissenschaftlichen Großkonglomeraten reicht (und es ist vielleicht nicht ganz unnütz, sich den umgangssprachlichen Sinn vor Augen zu halten, wie ihn im 18. Jahrhundert noch das französische Fremdwort hatte: ,ich bemerkte, daß der Alte sein Gehör anstrengte, um an unserem Diskurse teilzunehmen', sagt Goethe im ,Werther' - dis cursus, die Hin- und Widerrede)". Am Montag vergangener Woche starb Hans-Horst Henschen, er wurde 78 Jahre alt.