Nachruf Einwilligung in das Zufällige

Der Anwalt des Common Sense: Odo Marquard, 1928-2015.

(Foto: Isolde Ohlbaum/laif)

Diesem großen Skeptiker zu folgen, war und ist so, als höre man einem guten Freund zu. Odo Marquard, einer der markanten deutschen Philosophen, ist im Alter von 87 Jahren gestorben.

Von Jens Hacke

Die Philosophie pflegt in Deutschland zur Literatur in der Regel eine unglückliche Beziehung. Im Pantheon der Großen von Immanuel Kant über Georg Wilhelm Friedrich Hegel bis zu Martin Heidegger stößt man ganz überwiegend auf Texte, deren Lektüre eher mit harter Arbeit als mit Lesegenuss zu tun haben. Von der (meisten) aktuellen akademischen Philosophie nicht zu reden.

Im Gegensatz zu den schwer verdaulichen Entwürfen der Systemdenker gelingt es deren skeptischen Kritikern häufiger, eine sprachliche Form zu finden, die Lesbarkeit mit Ironie und Feinsinn verbindet, ohne auf philosophisches Niveau zu verzichten. Auf welche Weise Humor den Absolutheitsanspruch im Reich der Ideen heilsam unterminiert und die Untugend des unbedingten Rechthabenmüssens decouvriert, lässt sich im Werk von Odo Marquard verfolgen. Seine geschliffenen, fein gearbeiteten Essays, seine Fähigkeit zum milden, nie verletzenden Spott, sein virtuoser Wortwitz sind Stilelemente eines Œuvres, dessen scheinbare Anstrengungslosigkeit und Leichtigkeit in Wahrheit hart erarbeitet sind. Die Voraussetzungen seines Philosophierens muss nicht jeder kennen, der sich an den in schöner Regelmäßigkeit erschienenen Reclam-Bändchen seiner Schriften erfreut. Marquard ist es lange vor der jüngsten Popularisierungswelle der Philosophie gelungen, interessierte Leser und das Fachpublikum anzusprechen - nicht durch Talk, allein mit Stil. Marquard lesen, das kommt einem Dialog mit einem geistreichen, sensiblen und im hohen Maße unterhaltsamen guten Freund gleich.

Nachdrücklich hat Marquard die für ihn existenzielle Bedeutung der geschichtlichen Erfahrung beschworen. Den Nationalsozialismus, diesen Bruch mit allen überlieferten Formen der Vernunft, hat der 1928 im pommerschen Stolp geborene Philosoph als Heranwachsender erlebt. Wie so viele Gleichaltrige durchlief Marquard - er hat es selbst in autobiografischen Texten immer betont - die ideologischen Erziehungsinstitutionen. Der Hitlerjunge und Flakhelfer wurde zum "letzten Aufgebot" des Volkssturms eingezogen, und das Gefühl, noch einmal davongekommen zu sein, prägte ihn philosophisch als "prolongierte Schrecksekunde". Das Jahrgangszeugnis des 15-Jährigen aus dem April 1943 ist ein erstaunliches Dokument: "Odo wird nie der Typ des harten politischen Soldaten. Dazu ist er zu weich und zu verträumt", schrieb sein "Scharerzieher". Er liebe mehr "das ruhige Bedenken und Sinnen", "Stille und Einsamkeit" und gehe "gern eigenen Gedanken nach".

Zum Philosophiestudium ins zerbombte Münster kam Marquard nach eigenen Angaben wie die Wespe in die Cola-Flasche - "weil ich intellektuell naschhaft bin und die Philosophie süß zu sein scheint und weil, als ich merkte, dass sie ernst und gefährlich ist, es schon zu spät war, noch herauszukommen". Zu kosten und zu entdecken gab es in den materiell kargen, aber intellektuell reichen Nachkriegsjahren einiges, und Marquard hatte es per Zufall an einen besonders dynamischen Ort des Denkens in Westfalen verschlagen: Er wurde Teil des berühmten von Joachim Ritter (1903-1974) geleiteten Collegium Philosophicum, unter seinen Kommilitonen befanden sich Hermann Lübbe, Robert Spaemann, Karlfried Gründer, Martin Kriele, Ernst-Wolfgang Böckenförde oder zeitweise auch Ernst Tugendhat.

Jahre später stellte sich heraus, dass die liberale, historisch-hermeneutisch orientierte "Ritter-Schule" zur einflussreichsten Keimzelle der praktischen Philosophie in der Bundesrepublik avancierte; das von 1971 bis 2007 erarbeitete "Historische Wörterbuch der Philosophie" ist ein Monument der Ritterianer und zugleich eine Wegmarke der bundesrepublikanischen Geistesgeschichte. Die Begegnung mit Ritter war für Marquard eine Weichenstellung, deren lebenspraktische Folgen er gern als glückhafte "Einwilligung in das Zufällige" kennzeichnete. Als Meisterschüler Ritters hat er - in enger Verbundenheit mit seinem lebenslangen Freund Hermann Lübbe - verschiedene Motive dieses Ambivalenzdenkers, der Aristoteles und Hegel miteinander versöhnte, ausgeschrieben und pointiert. Ritters "Entzweiungstheorem" - das Auseinandertreten von Herkunft und Zukunft in der Moderne - sowie seine Überlegungen zur Kompensationsfunktion der Kultur im Allgemeinen und der Geisteswissenschaften im Besonderen hätten wohl ohne Marquard und Lübbe kaum je eine solche Popularität erlangt.

Marquard fand früh sein Lebensthema: die Skepsis, nämlich in seiner Dissertation "Skeptische Methode im Blick auf Kant", die er - wenn wir ihm glauben dürfen - parallel zum "Wunder von Bern" 1954 abschloss. Hierin macht er auf die Pluralität der Kant-Auslegungen in ihren gleichwertigen Plausibilitäten aufmerksam und warnt davor, autoritativen Vereinnahmungen zu trauen. "Die Philosophen haben die Welt nur verschieden verändert; es kömmt darauf an, sie zu verschonen", schrieb der begnadete Aphoristiker bereits als Promotionsstudent. Marquard artikulierte keinen grundsätzlichen Zweifel gegenüber der Moderne. Er verstand vielmehr die Skepsis als notwendige Denkhaltung, um in Zeiten beschleunigten Wandels und dem damit verbundenen Auseinandertreten von Erfahrungswelt und Zukunftserwartung zu bestehen. Sie ist zugleich ein Plädoyer für Langsamkeit, Reflexion und Endlichkeitsbewusstsein.

Marquard'sche Skepsis richtet sich gegen ideologische Verblendung, gegen die menschliche Hybris, in einer Tabula rasa mit der Vergangenheit aufzuräumen und alles neu zu schaffen. Zugleich ist diese Skepsis verbunden mit dem bemerkenswert optimistischen Glauben an die Kraft menschlichen Verstandes und seiner Entfaltung. Es ist Sache des Common Sense, hegelianisch an die Vernunft des Bestehenden anzuknüpfen. Nach der von Marquard popularisierten Beweislastverteilungsregel liegt die Begründungspflicht bei demjenigen, der etwas verändern will.

Marquards Rollenbeschreibung der Philosophie als "Inkompetenzkompensationskompetenz" ist schon lange sprichwörtlich geworden, ebenso wie seine "Verweigerung der Bürgerlichkeitsverweigerung", die der Ironiker bewusst als doppelte Negation verklausulierte und gegen die humorlose Neue Linke in Stellung brachte. Die Studentenrevolte machte Marquard zu einem liberalkonservativen Bundesrepublikaner, der eher zum milden Spott neigte, als sich in die ideologisch inspirierten Gegner zu verbeißen. "Vernünftig ist, wer den Ausnahmezustand vermeidet", persiflierte er Carl Schmitt und definierte eine konservative Option für die bürgerliche Demokratie als Arrangement mit dem Unvollkommenen, als Pflege von Pluralität. Seinem liberalen Temperament entsprach es auch, die Habilitation seines marxistischen Assistenten Hans-Jörg Sandkühler gegen einige Widerstände zu verteidigen.

Marquards Beiträge zur legendären Forschergruppe "Poetik und Hermeneutik", seine Habilitationsschrift über die Ursprünge der Psychoanalyse im Idealismus und in der Romantik, seine Kritik der Geschichtsphilosophie und seine Erörterungen zum Theodizeeproblem sind viel diskutiert; auch seine jüngst edierten Vorlesungen zur Existenzphilosophie rücken noch einmal den inspirierenden Universitätslehrer ins Licht, der mit Akribie und Sensibilität seine Interpretationen entwickelte. Leicht hat es sich der skrupulöse Schriftsteller Marquard nie gemacht, seine Texte aus der Hand zu geben, und so dürfen wir noch auf einige Arbeiten aus seinem in Marbach lagernden Nachlass hoffen.

In einem seiner letzten Gespräche hat er die Schwermut als Grundbefindlichkeit seines Lebens und Philosophierens bezeichnet. Er verdient nicht zuletzt mit seiner ergreifenden Philosophie des Alters, die dem nahenden Ende ohne Verheißungen, nur mit Stoizismus und mit der Lasterleichterung des Humors begegnet, einen Platz im Pantheon der großen Skeptiker und ironischen Aufklärer. Am Samstag ist Odo Marquard, wie die Universität Gießen bekannt gab, im Alter von 87 Jahren gestorben.