Nachruf Die Romantik der Blutlache

Sein Hotelnachbar hieß zufällig Burroughs. Und bei einem Essen traf er zufällig Warhol. Und alle machten sie mit bei seinen Filmen. Denn der deutsche Alain Delon war, kein Zufall, auch ein begnadeter Filmemacher. Mit 73 ist Ulli Lommel nun gestorben.

Von Doris Kuhn

Wenn man sich in den frühen Achtzigerjahren für Horrorfilm interessierte, hörte man von "Boogeyman", einem amerikanischen Kassenschlager, der unerhört gruselig sein sollte, aber von einem Deutschen geschrieben und inszeniert worden war. Das klang absurd. Deutsche machten keine guten Filme in diesem Genre, nicht mal in Hollywood. Also wartete man, bis der "Boogeyman" in irgendeinem Kino kam, sah dort einen Psychokiller bei der Arbeit, der vielleicht real war, vielleicht aber auch nicht, und erschreckte sich halb zu Tode. Den Namen des Regisseurs behielt man im Kopf, einigermaßen beeindruckt: Ulli Lommel.

Erst später erfuhr man die Geschichte des Films: Lommel hatte den "Boogeyman" an der Ostküste gedreht, das Negativ ins Auto gepackt und war damit quer durch Amerika gefahren. In Los Angeles mietete er sich im berüchtigten Pop-Motel "Tropicana" ein, in einer Suite nebenan wohnte William Burroughs. Lommel ließ sich einen Schneidetisch aufs Zimmer bringen und begann mit dem Schnitt. Bei der Tonbearbeitung hörte man ständig die Todesschreie der Opfer, und die hörten auch die anderen Motelbewohner. Also ging Burroughs nachsehen, was da los war. Er blieb dann ein paar Wochen neben Lommel sitzen und gab ihm gute Ratschläge, bis der Film fertig war.

Das war 1980. Zu dem Zeitpunkt war Lommel 36 Jahre alt, die Episode mit Burroughs erschien ihm da vermutlich völlig normal. Denn schon sein ganzes Leben war verlaufen wie ein Exploitationsfilm, und zwar einer von der Sorte, die so über die Stränge schlägt, dass man ungläubig die Augen verdreht. Bei Lommel allerdings kann man die Legenden nachprüfen - er begann als Schauspieler, es gibt seine Geschichte im Bild.

Ullrich Manfred Lommel wurde am 21. Dezember 1944 geboren, er ging mit 17 zum Film - wohin auch sonst, nachdem er in einer Familie aufwuchs, die im Varieté arbeitete. Mit zwanzig drehte Ulli Lommel in Berlin mit dem Busen-Guru Russ Meyer "Fanny Hill", mit 24 machte er "Detektive" mit Rudolf Thome. Bis dahin war er ein Teenager-Star, danach wurde er zum Alain Delon des Neuen Deutschen Films. "Er spielte die coolen, bleichen Typen, die eine fragile, grausame Schönheit à la Baudelaire auszeichnet", hat der Filmkritiker Hans Schifferle über ihn geschrieben, er bezog sich damit vor allem auf Lommel bei Fassbinder.

Radikaler und poetischer als Fassbinder

Rainer Werner Fassbinder gab Lommel 1969 die Hauptrolle in seinem Film "Liebe ist kälter als der Tod", das war der Anfang einer wilden Zusammenarbeit. Lommel blieb bei Fassbinder, mehr als zehn gemeinsame Filme entstanden. Er lernte in dieser Zeit die Hingabe ans Schauspiel kennen, die improvisierte wie die diktatorische Regie, und außerdem jede schöne Frau Europas - das fing bei Iris Berben an, hörte bei Anna Karina auf, und alle waren verliebt in ihn.

Durch die Arbeit mit Fassbinder beschloss Lommel, selbst Regie zu führen. Er drehte 1973 "Die Zärtlichkeit der Wölfe", eine Variation über den Massenmörder Fritz Haarmann, schon da war er radikaler und poetischer als Fassbinder. Jedes Jahr entstand dann ein Film, zunehmend eigenwillig. Mal ging es um den Sex-Underground in Bayern, mal um exhibitionistische Stars in Rom, 1976 schließlich kam "Adolf und Marlene", eine Komödie über Hitler als Fanboy der Dietrich, die vom deutschen Publikum verdammt wurde. Aber genau dieser Film hatte Konsequenzen für den Rest von Lommels Leben.

Er zeigte ihn 1977 bei einem Filmfestival in Chicago, auf dem Rückweg nach Hause gab es einen Zwischenstopp in New York, wo Lommel Andy Warhol vorgestellt wurde. Lommel sah seine Chance - er erfand beim Dinner ein Filmprojekt, in dem der Punkrock-Star Richard Hell die Hauptrolle spielen sollte. Warhol reagierte richtig: Er wollte mitmachen. Das führte zu "Blank Generation". Gedreht wurde im "CBGB", einem Punk-Club in Manhattan, wo Debbie Harry von der Bühne fiel. Die Ramones waren auch dabei. Ulli Lommel hat seinen Weiterflug nach Deutschland nie angetreten. Er war begeistert von der amerikanischen Unvoreingenommenheit gegenüber bizarren Vorschlägen, von der Freiheit, erst mal loszulegen, um dann zu sehen, zu welchem Ende das führt. Es wurde zum Prinzip seines Daseins als Regisseur.

Lommel blieb mehr als 25 Jahre in Amerika. Mit dem "Boogeyman" ließ er sich in der Stadt der Engel nieder und wurde ein besessener Filmemacher. Er trieb das Geld für seine Filme selbst auf, er überzeugte Stars und Sternchen, bei ihm mitzuspielen, denn er konnte so begeistert über Film reden, dass jeder sofort an ihn glaubte. Dabei war kaum etwas weiter von Hollywood entfernt als seine Werke: Lommel machte echtes Exploitationkino. Als Inspiration nahm er möglichst skandalöse, aber reale Kriminalfälle. Mit dem Serienmörder Fritz Haarmann hatte es ja angefangen. Jetzt verfilmte er seine persönlichen Fantasien über andere berühmte Serienkiller oder bekannte Kidnapping-Fälle. Oder auch mal über Marilyn Monroes Tod.

Was dabei herauskam, war manchmal grandios, meistens verblüffend - und immer ziemlich gewagt, weil Lommel den Horrorfilm tatsächlich neu interpretierte. Er versah ihn sozusagen mit einem geradezu romantischen Impetus. In einer Vermischung aus Pop, Trash und Wirklichkeit fand er die Romantik ausgerechnet dort, wo man sie normalerweise nicht einmal suchen durfte: in den Blutlachen des Splattergenres, in den Verwüstungen sexueller Obsession. Von diesen zahlreichen Filmen war in Deutschland fast gar nichts zu sehen, bis ihm die Hofer Filmtage 2003 eine feine Werkschau widmeten. Für die kehrte Lommel dann zurück, natürlich drehte er bei der Gelegenheit gleich ein Doku-Drama über den bestgehassten DSDS-Star Daniel Küblböck.

Er kam von da an häufig zu Besuch, eine fragile Gestalt in Lederjacke und Cowboyhut, als wolle er einen altmodischen amerikanischen Spirit in die deutschen Straßen tragen. Schon seit Jahren war klar, dass sein Herz nicht gut funktionierte, aber er stimmte keiner Operation zu. "The alternative is to lead a dangerous life", war sein Kommentar. Dieses gefährliche Leben hat Ulli Lommel furchtlos geführt, immer bei der Arbeit an einem neuen Projekt, gerade hat er einen Film über Warhol fertiggestellt. Aber dann wurde die Gefahr zu groß: Am Samstag ist Ulli Lommel im Alter von 73 Jahren an den Folgen eines Herzinfarkts gestorben.