Zum Tod von Bert Neumann Der Osten leuchtete

Autark, geschmackssicher, subversiv: Bert Neumann, hier im Jahr 2004.

(Foto: imago stock&people)

Er war der Erfinder des Volksbühnen-Stils - ach was: von Berlin-Mitte. Für die Regisseure Frank Castorf und René Pollesch war er der wichtigste Partner. Bühnenbildner Bert Neumann ist im Alter von nur 54 Jahren gestorben.

Von Peter Laudenbach

Am allerletzten Abend von Johan Simons' Intendanz an den Münchner Kammerspielen konnte man vor einer Woche eine dieser rätselhaften und trotz ihres falschen Rummelplatz-Flitters schönen Bühnen von Bert Neumann sehen. Für Simons' Inszenierung "Hiob" hatte er ein Rondell wie ein Kinderkarussell mit nostalgiebunt gemusterten Vorhängen entworfen. An seinem oberen Rand drehten sich zwischen Glühbirnen in lustiger Zirkus-Schrift drei Worte: "Birth - Death - Love". Und genau darum geht es ja im Leben und im Theater: Geburt, Liebe, Tod.

Jetzt erinnert man sich traurig an diese Bühne. Am Samstag wurde bekannt, dass Bert Neumann, der wichtigste Bühnenbildner seiner Generation, am 30. Juli im Alter von 54 Jahren gestorben ist. Er war in seinem Ferienhaus in Mecklenburg, in dem er in den Theaterferien immer mit seiner Frau Lenore Blievernicht und seinem Sohn Leonard wohnte. Neumann litt seit vielen Jahren unter schwerem Asthma. Sein Tod ist ein fürchterlicher Verlust.

Ein Verlust für das Theater, für die Künstler, die mit ihm gearbeitet haben, für die Menschen, die ihn und seine Bühnen geliebt oder einfach nur verehrt haben. Menschen, denen das Theater etwas bedeutet, konnte man ziemlich einfach auseinanderhalten: Es gab die, die Bert Neumanns Bühnen bewundert haben. Und es gab die anderen, die sagten: "Schon wieder Glitzervorhang, schon wieder Container, schon wieder Video."

"Schon wieder Glitzervorhang, schon wieder Container, schon wieder Video", sagten manche. Andere feierten die Bühnenbilder von Neumann - wie dieses zu "Der Meister und Margarita".

(Foto: Claudia Esch-Kenkel/dpa)

An den Münchner Kammerspielen war Neumann gerne zu Gast. Seine Heimat war seit Beginn der Intendanz Frank Castorfs 1992 die Berliner Volksbühne. Für Frank Castorf und René Pollesch war Bert Neumann der wichtigste Bühnenpartner: "Bert ist der erste Autor meiner Inszenierungen", bringt René Pollesch ihre Zusammenarbeit auf den Begriff. Neumann war kein Dienstleister, der Regiekonzepte bebilderte, sondern ein autonomer Künstler. Castorf oder Pollesch bekamen Neumanns Bühnenbildentwürfe erst zu Probenbeginn zu sehen - dann mussten sie damit zurechtkommen. Offenbar ist genau das ihren Arbeiten sehr gut bekommen. Kein Wunder, dass Neumann nur mit ähnlich autarken Regisseuren wie Johan Simons oder Jossi Wieler, dem Intendanten der Oper Stuttgart, arbeiten wollte.

Für die Volksbühne war Bert Neumann weit mehr als der Chef-Ausstatter. Mit seiner ganzen Haltung, die den gängigen Theatermechanismen misstraute, mit dem Volksbühnen-Anti-Marketing der mit Lenore Blievernicht gegründeten Agentur LSD ("Last Second Design") hat er die Identität des Hauses so stark geprägt wie der Hausherr. Das Volksbühnen-Logo, ein Rad auf Beinen, das in Stahl vor der Volksbühne steht; die Besetzungszettel aus altem, holzigem DDR-Papier; die wuchtige Runenschrift, die trotzige "Ost"-Leuchtreklame auf dem Dach der Volksbühne; Plakate, die mal Anzugträger zur spöttischen Parole "Das neue Berlin", mal einfach nur kryptische Rotwelsch-Zeichen zeigten; die Rollende Roadshow, mit der die Volksbühne vor anderthalb Jahrzehnten, lange vor der "X-Wohnungen"-Mode, die tristeren Gegenden Berlins erkundete - alles Neumanns Erfindungen.

Neumann erfand den Volksbühnen-Look für das Theater in Berlin-Mitte; rechts das berühmte Rad auf Beinen auf der Wiese davor.

(Foto: Aris/SZ Photo)

Wäre Berlin-Mitte nicht längst zum Synonym für Hipster-Peinlichkeiten geworden, könnte man sagen, dass Neumann der Erfinder von Berlin-Mitte war, bevor das Subkulturbiotop durchgentrifiziert und von Image-Verwertern und Touristen übernommen wurde. Als ihm die angestrengt coole Lockerheit des neuen Mitte-Berlins etwas zu penetrant wurde, hat er die Volksbühne neu eingekleidet. Statt T-Shirts mit dem Volksbühnen-Logo trugen die Kartenabreißer im Foyer jetzt altmodische Anzüge. Bert Neumann war etwas zu hip, um hip sein zu wollen. Und er war zu selbstbestimmt und empfindlich, um all seine Nachahmer ernst nehmen zu müssen.

Die Fähigkeit, Abstand zu halten und den Hipness- und Heilsversprechungen welchen Systems auch immer zu misstrauen, hat er früh trainiert. Schon vor der Wende organisierte der 1960 in Magdeburg geborene Neumann sich in der DDR seine künstlerische und ökonomische Autarkie.

Als es dem jungen Bühnenbildner am Theater Potsdam und im offiziellen Kulturbetrieb der DDR zu eng wurde, kündigte er. Und lebte mit Lenore Blievernicht davon, T-Shirts zu bedrucken und mehr oder weniger legal zu verkaufen - dank reger Nachfrage eine schöne Nischenökonomie. Genauso hat er als Bühnenbildner gearbeitet: Autarkie, Geschmacksicherheit und Subversion ergeben eine ziemlich seltene und schwer zu fassende, garantiert trend-resistente Kombination.

Mit der gleichen Ironie, mit der er den Pop der westlichen Warenästhetik in der Spätphase der DDR subversiv nutzte, verwendete Neumann die Ästhetik des untergegangenen Staatssozialismus im Theater des wiedervereinigten Deutschlands. Seine Bühnen sahen aus wie Zimmerfluchten mit eingebautem Pornodrehort ("Stadt als Beute"), Filmsets ("Der Meister und Margarita"), "Big Brother"-Container ("Endstation Amerika"), Suburb-Bungalows samt Swimmingpool ("Dämonen") oder ganze Städte, denen man zwecks Einblick die Fassade weggeschnitten hatte ("Berlin Alexanderplatz").

Seine Bühnenräume waren nicht nur zum Anschauen gemacht, man konnte darin wohnen. Wenn die Schauspieler am Herd Spiegeleier zubereiteten, sich duschten oder Bier aus dem Kühlschrank holten, fühlte man sich wie zu Hause.

Bert Neumann arbeitete gerne höhnisch mit Ready Mades aus der tristen, bunten Warenwelt: Wenn sich die Wirklichkeit dauernd inszeniert und die Gesellschaft des Spektakels so tut, als sei sie die Wirklichkeit, reicht es, ihre Oberfläche zu kopieren und elegant zu verfremden, um daraus böses Theater zu machen: Er hat den Designverhältnissen der Warengesellschaft ihre eigenen Benutzeroberflächen und Schauwerte vorgespielt, um sie so leer und absurd vorzuführen, wie sie sind.

Mit einem vorgesetzten Direktor arbeiten? "Lieber eröffne ich ein Tattoo-Studio"

Bert Neumann war ein nicht nur für Theaterverhältnisse ungemein feiner Mensch: auf eine leise, höfliche, spöttische Weise sehr entschieden, innerlich völlig unabhängig, unbestechlich in der Wahl seiner Arbeitspartner und von Hierarchien, welcher Art auch immer, nicht zu beeindrucken. Er machte sich seine Hierarchien selber: Maler oder Näherinnen in den Theaterwerkstätten nahm er ernst, Kulturstaatssekretäre dagegen nicht unbedingt.

Dass er mehr an der Sache als an der Selbstvermarktung interessiert war, ist nicht gerade die Regel unter Theaterleuten. Weil er mit den Zentralwerkstätten des Wiener Burgtheaters unzufrieden war, nähte er mit drei Helfern die Kostüme für Castorfs "Richard"-Inszenierung im vergangenen Jahr lieber selbst - Qualität und Autarkie, kurz: Selbstbestimmung war für Neumann schlicht die Voraussetzung seiner Arbeit. Auf Versuche der Fremdbestimmung und des Image-Ausverkaufs reagierte er entsprechend allergisch.

Als bekannt wurde, dass auf Wunsch des Berliner Kulturstaatssekretärs Tim Renner in zwei Jahren der Museumsdirektor Chris Dercon die Volksbühne übernehmen soll, antwortete Neumann unmissverständlich: Lieber als mit Dercon zu arbeiten, der öffentlich um ihn warb, wolle er "ein Tattoo-Studio" eröffnen. Als Reaktion auf diese "feindliche Übernahme" ersetzte Neumann den jeweiligen Stücktitel, der auf einer Fahne über dem Volksbühnen-Portal angekündigt wird, Abend für Abend durch ein einziges Wort: "Verkauft". Bert Neumann hinterlässt eine Leerstelle, die weit größer ist als seine tollen, schönen zwei Jahrzehnte an der Volksbühne. Mit seinem Tod geht die Ära an diesem Haus noch schneller zu Ende als beschlossen. Entsetzlich schnell.