Rockpionier Keith Emerson gestorben Zwischen Inferno und tänzerischem Spiel

Der Keyborder und Pianist verstand es, klassische Musik wie Jazz und Rock klingen zu lassen - und andersherum. Jetzt starb er mit 71 Jahren.

Von Volker Breidecker

Dem Knaben Keith wurde die Legende erzählt, seine Mutter habe ihn unter einem Felsbrocken (rock) aufgelesen. Das muss im November 1944 in Yorkshire gewesen sein, wohin die Schwangere kriegsbedingt aus London evakuiert worden war.

Die zweite Geburt des klassisch geschulten Pianisten erfolgte Mitte der Sechzigerjahre im Londoner Marquee Club. Unter dem Patronat der Blueslegende T-Bone Walker debütierte dort neben den Yardbirds die Gruppe Gary Farr and the T-Bones - mit dem Performancekünstler Keith Emerson an der Hammond-Orgel.

Vorreiter des Progressive Rock

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Damals kam auch die Soulsängerin P.P. Arnold nach London, die eine vierköpfige Gruppe junger Musiker namens The Nice um sich scharte: Geboren war die Heroen- und zweite Pionierzeit der Rockmusik mit ihren Supergroups, und Keith Emerson war ihr Prophet: "Morgen ist die Geschichte von gestern", verkündete er im Begleittext zu "Ars Longa Vita Brevis".

Es war das Programm einer genialen, so nie da gewesenen Fusion von Rock (minus Pop), Jazz, Blues und Folk mit klassischer wie moderner elektronischer Musik. 1968 kam die zweite Studio-LP der Gruppe, die nach ihrem Debüt mit dem Album "The Thoughts of Emerlist Davjack" zum Trio mutierte.

"Emerlist Davjack" war das Anagramm für die Namen der vier Musiker: Keith Emerson an Piano und Orgel, Dave O'List an der Gitarre, Brian Davison am Schlagzeug und Lee Jackson am Bass. Mit O'Lists Ausscheiden wurde Emerson zum Solisten an Piano, Hammond-Orgel und - noch eine Revolution - an den ersten Synthesizern der Rockgeschichte.

Hausverbot wegen Flaggenbrand

Jetzt wurde interpretiert (Bach), reinterpretiert (Grieg), gecovert (Dylan), improvisiert (kaum je unter Zehnminutenlänge) und reimprovisiert (Eigenes), bis alle Klänge unter Emersons zuweilen mit Messern verlängerten Fingern zu infernalischen E-Aventüren aufbrachen, aus denen er mühelos wieder zum tänzerischen Spiel zurückfand.

Auf dem Höhepunkt des Vietnamkriegs brachte Emerson seine furiose Coverversion von Leonard Bernsteins Musicalsong "America" auf die Bühne der Royal Albert Hall und setzte dazu die amerikanische Flagge in Brand. Dafür erhielt er Hausverbot.

Danach klang alles langsam aus: "Nice" von 1969, die dritte LP, war Retro in eigener Sache, "Five Bridges" (1970) war symphonische Dichtung, gestützt auf ein großes Orchester, bevor unter dem Titel "Elegy" (1971) die im Vorjahr aufgelöste Band ihr Denkmal hinterließ, darauf das traumselige "Hang on to a dream".

Anachronistischer Nachläufer

Der Tastenzauberer war da schon in neuer Besetzung als Emerson, Lake and Palmer (ELP) auf Welttour und ließ auf dem Isle of Wight Festival von 1970 unter Mussorgsky/Ravels "Großem Tor von Kiew" mit Kanonen feuern. Ursprünglich hätte die neue Band HELP heißen sollen, mit Jimi Hendrix an der Gitarre, doch war der gerade gestorben.

Was ELP mit Albums wie "Tarkus" (1971), "Pictures at an Exhibition" (1971) und "Trilogy" (1972) große Welterfolge einfahren ließ, waren auch Emersons Performancekünste. Doch die Zeit der Supergroups war vorbei, auch ELP war nur noch ein anachronistischer Nachläufer.

Keith Emerson aber machte weiter, allein oder in wechselnden Formationen. Im April wollte er auf Tournee gehen. Nun wurde er tot in seinem Haus in Santa Monica gefunden. Keith Emerson, der Pianist der rechten Hand, an der er womöglich dauerhaft erkrankt war, wurde 71 Jahre alt.