Nachruf Der Monumentale

Jon Vickers 1976 als Wagners Siegmund in San Francisco.

(Foto: AP)

Keiner sang Otello und Tristan mit einem derartigen Leidensdruck wie Jon Vickers. Nun ist der Jahrhunderttenor im Alter von 88 Jahren gestorben.

Von Jens Malte Fischer

Wer das Glück hatte, Jon Vickers Anfang der Siebzigerjahre als Verdis Otello oder Wagners Tristan zu erleben, wusste bereits beim Fallen des Vorhangs: Das ist ein Erlebnis, das kein anderer Interpret mehr vermitteln kann - das kreatürliche Leid, die Zersetzung einer nur äußerlich starken und gefestigten Persönlichkeit bei Otello, der gleichzeitig im- und explodierende Leidensdruck beim Tristan des 3. Aktes. Beide Rollen sind sicherlich das Schwierigste, was ein Tenor auf der Bühne zu leisten hat.

Die berühmten Studioaufnahmen beider Werke mit Karajan leiden etwas unter der Sterilität, die der Perfektionsdrang des Dirigenten mit sich brachte, die schwer zu bekommenden Live-Mitschnitte der entsprechenden Salzburger Aufführungen sind ungleich eindrucksvoller. Oder man sehe sich die DVDs von der "Tristan"-Aufführung in Orange 1973 oder die der Met-Aufführung des "Otello" von 1978 an.

Vickers war kein Darsteller der extrovertierten, körperlich agilen Sorte, seine Gestalten waren immer in vokales und darstellerisches Granit gehauene Monumente, unter deren gepanzerter Oberfläche jedoch der pathetische Leidensausdruck jederzeit ausbrechen konnte. Und so war er in beiden Fällen dann am größten, wenn die Außenseite begann, Risse zu zeigen, schließlich ganz zerbrach und ein waidwund aufschreiender Mensch hör- und sichtbar wurde. Das ging damals für manche an den Rand des Erträglichen oder sogar darüber hinaus, und seine Partner konnten geradezu Angst bekommen vor dieser Urgewalt, von der sie gepackt und geschüttelt wurden, aber gerade in diesen beiden Rollen ist Größeres nie geleistet worden.

Kennt man Vickers, dann wird man auch mit weltberühmten Kollegen, die durchaus in der Lage sind, äußerlich glänzende Rollenporträts zu liefern (schon das eine übersichtliche Zahl), nicht mehr zufrieden sein können. Und selbst Lauritz Melchior, als Wagnertenor eine Ausnahmeerscheinung, muss als Tristan zurückstehen, weil seine Urgesundheit und sein sonniges Wesen das Pathos dieses zerrissenen Leidensmannes nicht in dieser Radikalität darstellen wollten und konnten.

Birgit Nilsson, sie sang oft neben ihm die Isolde, schrieb im Vorwort einer Vickers-Biografie: "Auf diesen Tristan habe ich viele Jahre gewartet, wie Jakob in der Bibel auf Rahel gewartet hat, aber das Warten hat sich gelohnt." In der Tat war Vickers der einzige Tenor, der der dominierenden Isolde jener Jahre gesanglich Paroli bieten konnte - als Interpret war er ihr überlegen.

War die Stimme von Jon Vickers eine schöne Stimme? Nicht unbedingt, das Timbre war etwas aufgeraut und raspelig, und es gab Sängerliebhaber, die damit ihre Schwierigkeiten hatten. Aber selbst die konnten nicht ableugnen, dass man diese Stimme nach wenigen Sekunden wiedererkannte, und das hatte nicht nur mit dem Timbre zu tun, sondern mit der sich stimmlich und erst recht auf der Bühne mitteilenden enormen Kraft dieses Jon Vickers, einer Kraft, die sich in der Gewalt der Stimme ausdrückte, der blockhaft-monumentalen körperlichen Gestalt, vor allem aber in der enormen Intensität, die dieser Sänger vermittelte.

Begonnen hatte die einzigartige Karriere des 1926 im kanadischen Prince Albert geborenen Ausnahmetenors in der Mitte der Fünfzigerjahre in Toronto. Die kanadische Opernszene bot nicht viele Möglichkeiten. Vickers ging dann allerdings nicht in die USA, sondern nach London, wo er später auch lange lebte, und arbeitete sich am dortigen Opernhaus Covent Garden rasch hoch, mit einer stimmlichen Kraft ausgestattet, die damals und später keine Parallelen hatte.

Er war aber auch in einem anderen Punkt eine Ausnahme und blieb dies auch: Er hatte sich in seiner gründlichen technischen Ausbildung die Fähigkeit erarbeitet, in seiner enormen Stimme, die ein dunkles Fundament hatte, die Brust- und Kopfregister auf verblüffende Weise zu mischen. Und er bemühte sich, neben den Heldentenorpartien, für die ihn seine Stimme schon früh prädestinierte, auch die leichteren Partien des italienischen Faches so lange wie möglich beizubehalten. So zeugt ein Mitschnitt des Jahres 1958 davon, dass er Giuseppe Verdis Don Carlos noch beeindruckend sang, als er gleichzeitig bereits den Siegmund in Bayreuth gestaltete.

Berühmt wurde Vickers durch eine Rolle und in einer Oper, um die man lange einen Bogen gemacht hatte: den Äneas in Hector Berlioz Riesenoper "Die Trojaner". Zuerst sang er die Partie, deren Schwierigkeiten er triumphal bewältigte, in London auf der Bühne, einige Jahre später dann auch in der epochemachenden Wiederbelebung und ungekürzt in der Platteneinspielung unter Colin Davis.

Einen Zuschauer herrschte er an: "Hören Sie auf mit Ihrem verdammten Husten!"

Es blieb nicht aus, dass bald die ganz großen Aufgaben des heroischen Tenors auf ihn zukamen. Keineswegs ganz dazu gehört die Leidensgestalt Florestan in Beethovens "Fidelio", für den Vickers bis heute gültige Maßstäbe gesetzt hat. Wer ihn einmal in der berühmten Klemperer-Aufnahme gehört hat, besser noch in Live-Mitschnitten, der weiß, dass das gefürchtete, weil endlos gedehnte "Gott", der erste Ton der Partie, keine Crescendo-Etüde sein darf, sondern ein, wenn auch gesungener, Schrei, in dem, wie Vickers einmal sagte, Verzweiflung, Schicksalsergebenheit, aber auch scheinbar unrealistische Hoffnung trotz allem, eine unauflösbare Mischung eingehen müssen. Keiner hat das so realisiert wie er.

Mit der Callas sang er in Cherubinis "Medea", daneben bis in die Siebzigerjahre, wenn man ihm das anbot, auch den Andrea Chénier. Seine Gesamtaufnahme der "Aida" mit Leontyne Price unter Soltis Leitung hat den Rang einer maßstäblichen Leistung, wenn man bereit ist, den Stimmglanz italienischer Tenöre dafür als nicht unverzichtbar anzusehen. Die Mischung von Stimmgewalt und Subtilität wurde das Markenzeichen von Vickers' Gesangs- und Gestaltungskunst.

So wurde auch Brittens Peter Grimes, ein zumindest der Kindermisshandlung verdächtiger Fischer, eine seiner größten Rollen. Es wird immer wieder bezweifelt, ob er eigentlich für diese tauge. Ist dieser Vickers nicht zu gewaltig, zu riesig für diesen charakterlich schwachen Mann? Keineswegs, so zeigen CD und DVD: Das Schicksal von Grimes wird noch erschütternder, wenn Vickers, dieser Klotz von einem Mann, sich gewissermaßen vor unsren Augen und Ohren auflöst und in Wahnsinn und Verzweiflung versinkt.

Jon Vickers war ein äußerst eigenwilliger Mann, tief religiös, streng mit sich, den Kollegen und dem Publikum. Vor seinen Zornausbrüchen musste man sich in Acht nehmen. Nie nahm er ein Blatt vor den Mund, was ihn nicht bei allen im Musikbetrieb beliebt machte. Er dürfte der einzige Tristan aller Zeiten sein, der es wagte, einen penetranten Dauerhuster im 3. Akt mitten in der Vorstellung anzufahren: "Hören Sie auf mit Ihrem verdammten Husten!" - diesen historischen Moment kann man im Netz nachgenießen.

Und wem das noch nicht genügt, um die unvergleichliche Größe dieses Sängers nachzuvollziehen, der greife zu Schuberts "Winterreise". Das mag nicht in allem den Erwartungen, die man an diesen Zyklus hat, entsprechen, hat aber eine Schmerzensgewalt, die alle kleinlichen Einwände schmelzen lässt. Jon Vickers war der größte Heldentenor des 20. Jahrhunderts. Nun ist er, in den letzten Jahren der Welt und seiner großen Karriere weitgehend entrückt, am vergangenen Samstag im Alter von 88 Jahren gestorben.