Nachruf auf Friedrich Kittler Wende zum Grundsätzlichen

Irgendwann, in den neunziger Jahren, hörte Friedrich Kittler auf, für seine Wissenschaft den Namen "Medientheorie" zu verwenden, und wurde vollends grundsätzlich. Er nahm Martin Heideggers Kategorien der Seinsgeschichte und setzte immer dort, wo bei Heidegger die Etymologie Auskunft über Ursprung und Wesen geben sollte, die Mathematik ein - bis es zumindest so aussah, als müsse "Sein und Zeit" durch die Turingmaschine vollendet werden.

Und schließlich widmete er sich den alten Griechen, den Anfängen nicht nur der Schriftkultur, sondern aller durch Abstraktionen geordneten Artikulation. Die Mathematik und die Musik wurde ihm dabei zu Gegenständen, über die er mit gleicher Heftigkeit spekulierte wie zuvor über die Laute und die Buchstaben. Und so nahe rückten ihm dabei die Hellenen, dass ihm die Übersetzung ihrer Werke ins Latein Ciceros als Katastrophe erschien - bis am Ende die antiken Römer den amerikanischen Imperialisten von heute glichen, während die Deutschen und die Griechen, wie zu Zeiten Friedrich Hölderlins, einander immer näher rückten.

Friedrich Kittler war ein professoraler Spekulant, ein besessener Gedankenspieler, wie es ihn seit dem Ende der großen idealistischen Weltgebäude des frühen neunzehnten Jahrhunderts nicht mehr gegeben hat. Und wenn manches an seinen Werken - etwa die Sprache seiner frühen Schriften, der systematische Versuch, das reflexive "sich" zu vermeiden, um die Technik selbst sprechen zu lassen - schon heute merkwürdig veraltet erscheint, so war er doch auch ein Prophet: Wenn ihm, in den achtziger Jahren, der "Computer" den Plural des Begriffs "Medien" aufzusaugen schien, dann ahnte er in ihm schon das Medium, als das er erst im einundzwanzigsten Jahrhundert zu erkennen ist, das Medium, in dem alle anderen aufgehen werden.

Und noch etwas hat Friedrich Kittler geleistet, womöglich wider Willen: Die Neuordnung der geisteswissenschaftlichen Disziplinen, wie sie sich in den vergangenen zwanzig Jahren in den Kulturwissenschaften, in der Historisierung der Wissenschaften (auch der Naturwissenschaften) sowie in der interdisziplinären Forschung geltend machte, wäre ohne ihn und seinen unermüdlichen Ideengenerator sicherlich anders verlaufen, in Deutschland, aber auch anderswo. Am Dienstag dieser Woche ist Friedrich Kittler, erst achtundsechzig Jahre alt, in Berlin gestorben.