Nachruf auf Alf Lechner Gestählt vom Leben

Der Bildhauer, dessen Skulpturen oft mehrere hundert Tonnen wiegen, ist im Alter von 91 Jahren gestorben

Von Sabine Reithmaier

Klug war er, sehr uneitel und grenzenlos neugierig. Die Lust an Experimenten mit Stahl und Schwerkraft hat sich Alf Lechner bis zum Schluss bewahrt. Das Alter hatte ihn zwar geschwächt, aber nicht nachgiebig gemacht. Trotz mancher Gebrechlichkeiten hielt er unvermindert daran fest, die Grenzen seines Materials noch ein Stückchen weiter auszuloten. Tatsächlich hat kein Künstler dem Stahl, dem Lechner sein Lebenswerk verdankt, so viel Spielraum gegeben wie er. Am vergangenen Samstag ist der 91-jährige Stahlbildhauer in seinem Obereichstätter Domizil gestorben. 60 Jahre hat er Stahl erforscht, analysiert und erprobt.

Er selbst sah sich weniger als Bildhauer denn als Erfinder. "Mich interessieren Grenzen, und die überschreite ich dann", sagte er vor zwei Jahren in einem Gespräch. Grenzen zu überschreiten kostet Kraft. Und erfordert neben einem zähen Willen die Fähigkeit, schon im Rohzustand Dinge erkennen zu können, die andere Menschen erst viel später sehen. Kunst hatte daher für ihn mit Denken zu tun.

Seine Konzepte waren rational, er konstruierte mit Zirkel und Lineal, erforschte geometrische Grundformen wie Kreis, Quadrat, Rechteck oder Quader, brachte Stahlplatten zum Bersten und Brechen. Das Talent des 1925 geborenen Schwabingers entdeckte der Landschaftsmaler Alf Bachmann, der im selben Haus wie Lechners Eltern wohnte. Dessen Zeichenunterricht während seiner Schulzeit habe ihn sehen gelehrt, erzählte Lechner später. Bachmann blieb der einzige Lehrer des Bildhauers. Als der 20-Jährige nach Kriegsmarine und Gefangenschaft nach München zurückkam, zeichnete und malte er zwar als einziger Schüler des konservativen Landschaftsmalers noch bis 1948 weiter. Doch dann lernte Alf Lechner Schlosser, gründete eine eigene Firma, entwarf Stühle und Leuchten aus Plexiglas und anderen Kunststoffen, erfand eine heiß begehrte Operationslampe für Zahnärzte und verdiente Geld. 1963 verkaufte er die Firma und hatte genug "Anfangskapital" (Lechner), um den Kunstbetrieb ignorieren zu können, dessen Mechanismen ihm zeitlebens suspekt blieben.

Mit Stahl beschäftigte sich Lechner von 1957 an, erst noch im Nebenjob. Er begann zu testen, wozu das Material fähig war, betrieb Grundlagenforschung. Seine ersten Skulpturen schuf er als 36-Jähriger. Erst nur mit "billigem" Material, Hohlkörpern, die er bog, knickte, knautschte und verformte und mit einem makellosen weißen Überzug eine schwebende, papierene Leichtigkeit verlieh. 43 Jahre war er bei seiner erster Ausstellung "Verformungen" in München, 1968 in der Galerie Heseler. Seine Werke fanden sofort Beachtung.

Eine Weile setzte Lechner sich noch mit rostfreiem Stahl auseinander, verbog Rundrohre, bevor er sich dem geschlossenen Kubus zuwandte. Seine künstlerische Entwicklung vollzog sich in systematischen Erkundungen des Materials, die in Serien mündeten. Er knickte und stauchte Vierkantrohre und massive T-Träger wie Strohhalme, teilte und trennte Blöcke in Scheiben oder andere kubische Grundformen. "Ich mache sie auseinander und schau rein, was innen ist", beschrieb er selbst sein Vorgehen. Immer getragen von dem Ziel, mit geringem Kraftaufwand dem jeweiligen Objekt ein neues Erscheinungsbild zu verpassen, wobei die Veränderung dem Material schon innewohnen muss. Die Werke, die hinterher so einfach und selbstverständlich wirken, sind die Ergebnisse komplizierter Arbeitsprozesse.

Seine monumentalen Arbeiten erforderten viel Platz. Erst zog er 1963 nach Degerndorf am Starnberger See. Mitte der Achtzigerjahre kaufte er in Geretsried ein ehemaliges Heizkraftwerk mitten im Naturschutzgebiet an der Isar. Doch als ihm Ingolstadt eine ehemalige Industriehalle als Museum anbot und dieses schließlich auch realisiert wurde, beschloss er, ins 25 Kilometer entfernte Obereichstätt zu ziehen. Dort kauften er und seine Frau Camilla das ehemalige Hüttenwerk mit Haupthaus, Hallen und Nebengebäuden, rodeten das Gelände, renovierten die heruntergekommenen Gebäude, transportierten 270 schwergewichtige Skulpturen dorthin und schufen einen einzigartigen Park.

Zeitlebens lehnte es Alf Lechner ab, den rostigen Stahl als sein Markenzeichen zu bezeichnen. Das benötigten nur die Künstler, denen es ums Geld gehe, pflegte er spöttisch anzumerken. Dass er sich selbst aus dem Kunstbetrieb ausschloss, war ihm bewusst, störte ihn aber nicht. Schließlich passen seine Skulpturen nur selten in Innenräume, wiegen oft mehrere hundert Tonnen, ein normaler Museumsboden trägt das natürlich nicht. Daher baute sich Lechner in Obereichstätt eine eigene Ausstellungshalle direkt neben dem Wohnhaus, in die auch schwergewichtige Werke passen. Für die allergrößten lässt sich sogar das Dach öffnen.

Überall in Deutschland und besonders in Bayern aber stehen die Skulpturen unverrückbar im öffentlichen Raum. An ihrer rostigen Schönheit entzündeten sich nicht nur einmal Debatten. Widerstand störte Lechner aber nie, im Gegenteil, den war er durch sein Material ja gewohnt. In den letzten Jahren beschäftigte er sich wieder mit Würfeln und ihren Diagonalen, ein unendliches Thema, denn der Kubus war für ihn das einzig gegenständliche Objekt, das gleichzeitig Fläche, Raum, Körper ist. Kunst soll aussehen, als sei sie vom Himmel gefallen, hat er einmal formuliert. Genau diese spielerische Leichtigkeit hat er seinen Skulpturen mitgegeben.