Reisen in entlegenste Gegenden sind im Netz leicht zu organisieren. Künstler und Freaks bieten allerdings auch Trips zu ganz unmöglichen Zielen an - ob nach Bagdad oder zum Mars.
Es ist zur Selbstverständlichkeit geworden, im Nu Reisen in entlegenste Gegenden zu organisieren: Wo früher eine aufwändige Expeditionsvorbereitung, später ein Gang ins Reisebüro nötig war, genügen heute wenige Mittagspausenminuten, um mit kleinstmöglichem Aufwand, einem Klick und einer Kreditkarte, für maximalen körperlichen Transfer zu sorgen.
Trekking-Reisen zum Mars - unkompliziert bei nomade-aventure.com. (Screenshot) (© Foto: oh)
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Diese globale Flatterhaftigkeit, bei der einen eine spontane Idee am Computer in die fernste Fremde verschlagen kann, thematisiert der 1973 in Baghdad geborene Künstler Adel Abidin auf seiner Website "Abidin Travels": Im Design eines gewöhnlichen Reiseportals werden Trips nach Bagdad angeboten. Oben rechts die Wettervorhersage, an diesem Montag könnte es mit 36 Grad recht heiß werden. Von München aus ist ein langer Zwischenstopp in Damaskus nötig - Geld für einen Rückflug sollte man lieber nicht ausgeben. Umgehend kommt die Bestätigung per E-Mail, inklusive Buchungsnummer.
Abidins Site, Netz-Teil seiner Installation auf der Biennale in Venedig, ist mit zynischen Details verziert: Neben dem Slogan "Have a holiday to remember" wird das Bild einer Hinrichtung gezeigt; als Mietwagen werden Panzer angeboten (ab 100.000 Dollar pro Tag). Sehenswürdigkeiten soll sich der Besucher aus dem Kopf schlagen, es gebe keine mehr, dafür aber die kugelsichere Weste nicht vergessen: In einem Fenster neben der Wettervorhersage werden ganz real die zivilen Opfer im Irak gezählt.
Mit schwarzem Humor arbeitet der in Helsinki lebende Adel Abidin die Wut über die Zerstörung seiner Heimat auf. Durch die Interaktion und den Kontrast zur heilen Welt eines normalen Reiseportals bringt seine Website den Schrecken näher, als es die sich wiederholenden Bilder in den Nachrichten noch vermögen.
Zeitreisen passen ins Internet
Der Welt tagträumend zu entkommen, dazu verleitet eine französische Seite, auf der für 856.226 Euro eine 133-tägige Reise zum Mars angeboten wird, die 2012 starten soll. Nach einmonatiger Anreise via Mond und beschwerlicher Wanderung mit Übernachtungen bei einheimischen Marsianern folgt der Event-Höhepunkt an Tag 85 mit der Besteigung des 26,4 Kilometer hohen Olympus Mons: "Sie werden auf dem Gipfel des Sonnensystems stehen", heißt es in Reiseprospekt-Prosa. Obwohl die Seite in reguläre Trekking-Angebote eingebunden ist, kritisiert sie ironisch die Sehnsucht nach "unberührten Regionen".
Diese unmöglichen Netz-Reisen, die zugleich Gesellschaftskritik und Weltfluchtvisionen sind, werden vom Time Travel Fund komplettiert: Hier haben sich Menschen zusammengetan, die glauben, dass Zeitreisen eines Tages möglich sind. Mit den nur 10 Dollar, die man heute einzahlt, und die sich über die Jahrhunderte zu Millionen summieren werden, sollen später Zeitreisende dafür entlohnt werden, dass sie den Anteilseigner aus seiner Gegenwart in die ihrige entführen.
Zwischen der fantasievollen Fondssatzung und den Links zu allerlei temporalen Spinnereien kann man wunderbar die Gegenwart vergessen: Zeitreisen passen ja einfach gut ins Internet, weil hier weniger zwischen alt und neu als zwischen entdeckten und unentdeckten Flecken unterschieden wird.
In seinem Roman „Canale Mussolini“ erzählt Antonio Pennachi von der Trockenlegung der pontinischen Sümpfe im italienischen Faschismus. Jetzt lesen ...
(SZ vom 15.10.2007)
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