Von Bernd Graff

Zu den neuesten Trends des Computerspielens gehört die Absonderlichkeit der Selbstvernichtung: Man drischt nicht auf ein fremdes Gegenüber ein, sondern auf die eigene Stellvertreterfigur.

Die alte Ego-Shooter-Spielanweisung "Massakriere alles, was nicht du selbst bist!" verkürzt sich damit auf den Hauptsatz. Darauf muss man erst einmal kommen. Es gibt dann durchaus unterschiedliche Varianten der Selbstverletzung in Computerspielen.

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Zum einen gibt es Spiele, die nichts anderes behandeln als den dezidierten Auftrag zur Protagonisten-Schändung. Eine Uralt-Form stammt aus Finnland. Sie heißt "Stair Dismount" und ist noch immer kostenfrei über das Web zu beziehen.

In einer frischeren Variante kann man es als "Stair Fall" auch online "spielen". Das Spiel besteht nur darin, sein Strichmännchen-Ego eine Treppe hinunter zu stoßen.

Variationen sind möglich, weil man den virtuellen Initial-Stoß, der den Sturz auslöst, selber dosieren und platzieren und so den Fall des Körpers lenken kann.

Solche Spiele sind nicht unbedingt abendfüllend, aber interessant sind sie doch, weil sie Etüden der Inversen Kinematik in der Bewegungsprogrammierung in Computerspielen sind.

Der sogenannte "Rag Doll"-Effekt, mit dem inzwischen realistisch anmutende Stürze erzielt werden, ist Beleg dafür, dass es den Programmierern immer besser gelingt, das naturgesetzliche Wirken von Kräften auf Körper in Rechnerbildern zu simulieren und abzubilden.

Mit einer gewissen Spannung erwartet wird allein schon deshalb das Komplettspiel "Pain", das für die PS3 angekündigt ist. Es soll zudem auch lustig sein.

Ganz anders ist Autoaggression in Spielen zu betrachten, die von den Spielern völlig losgelöst vom eigentlichen Spielauftrag ausprobiert wird, um dann in Snuff-Filmen über Youtube gestreut zu werden.

Hier kann man inzwischen von einem neuen Masochismus-Genre in der Machinima-Produktion sprechen, also der Herstellung von eigenständigen Filmepisoden, die aus Bildern von Computerspiel-Sequenzen zusammengeschnitten werden.

Ein Klassiker ist der Clip "INSANE CRASHES ON ROLLERCOASTER TYCOON", in dem die vom Spieler konstruierten Achterbahn-Parcours ihre destruktive Wucht entfalten. Lust am Knochenbruch zelebriert ein Skatervideo aus Tony Hawks: Project 8.

In die Abteilung schlechter Geschmack gehören die Crash-Sequenzen aus der Autorenn-Simulation "FlatOut", in denen der Fahrer mit hoher Geschwindigkeit durch die Windschutzscheibe gejagt wird.

Nahezu erschütternd hingegen ist ein in aller Morbidität inszenierter Selbstmord in Second Life: Eine Stellvertreterfigur stürzt sich zu den schwermütigen Klängen von Gary Jules' "Mad World" vom Dach eines Hochhauses.

Von nicht zu unterschätzender Kreativität in der Kombination hochexplosiver Stoffe zeigen sich hingegen die Autoren einer Halo3-Sequenz, die sie den "SUICIDE BUNGY JUMP" genannt haben.

Man platziert Minen und Granaten so unter ein Auto, dass der nahezu unzerstörbare Master-Chief im Wortsinn einfach nur in die Luft fliegt. Senkrecht. Wie eine Rakete.

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(SZ vom 8.10.2007)