Nachrichten aus dem Netz David Bowie als Internet-Prophet

Es gab noch kein Youtube oder Facebook: Doch Bowie gründete das BowieNet. Der Star war seiner Zeit voraus.

Von Michael Moorstedt

"Telling Lies" gehört nicht zu den größten Hits von David Bowie. Das Lied zählte auch nicht zu jenen, die nach der Nachricht seines Todes die Ranglisten der Streamingportale anführten. Es ist die Nummer sechs der Tracklist auf "Earthling". Das Album von 1997 belegt Bowies Annäherung an die aufstrebende Club-Kultur. Von der Kritik wurde es damals eher zurückhaltend aufgenommen. Trotzdem ist das Lied mit den nervösen Breakbeats und den britzelnden Basslines ein Meilenstein. Denn es war die erste Single eines Megastars, die exklusiv per digitalem Download erhältlich war - bevor man sie dann ein paar Monate später doch noch auf Platte und CD presste. 300 000 Mal wurde "Telling Lies" heruntergeladen, damals unerhört. Bowie war auch einer der Ersten, der Live-Videos seiner Konzerte über das Internet in die Welt sendete. Damit war er freilich seiner Zeit viel zu weit voraus. Damals kreischten noch die Modems, und die wenigen Millionen Nutzer, die es überhaupt gab, krochen mit 56 Kilobit pro Sekunde durchs Netz - zu langsam für Bewegtbild.

Es ist klar, dass David Bowie nicht nur ein musikalisches Genie war. Sondern auch ein veritabler Prophet des Internets. Er experimentierte mit interaktiven CD-ROMs, mit Computerspielen und gründete 1998 sogar einen eigenen Internet-Provider. Doch das sogenannte BowieNet war nicht nur eine Möglichkeit für Fans, Blogeinträge ihres Idols zu lesen oder Zugang zu exklusiven Songs zu bekommen. Wer sich anmeldete, bekam ein paar Megabyte Webspace zur Verfügung gestellt. Die Nutzer waren angehalten, selbst Internetseiten zu bauen und sich zu vernetzen.

Zu dieser Zeit, nur um das mal einzuordnen, gab es weder Youtube noch Facebook noch Wikipedia, nicht einmal Myspace. Im inoffiziellen Archiv des Internets, der Wayback Machine, kann man übrigens auch heute noch einige der gespeicherten Seiten ansehen.

Es gibt eine Menge hellsichtige Sätze, die beweisen, wie weit Bowie seiner Zeit voraus war. Die Musik selbst, sagte er etwa 2002, werde ähnlich omnipräsent sein wie "fließendes Wasser oder Elektrizität" - damit nahm er Streamingportale wie Spotify vorweg. Oder in einem Interview mit der BBC aus dem Jahr 1999: Bowie, angetan mit getönter Nickelbrille und angemessen psychedelisch-gemustertem Hemd, erklärt hier einem wenig überzeugten Journalisten die Zeiten, die da kommen werden. "Wir stehen am Anfang von etwas, das zugleich berauschend und furchteinflößend ist", sagt Bowie über das Netz. Als der Interviewer entgegnet, dass das neue Medium ja doch nur ein Werkzeug, ein weiterer Kanal zur Inhalteverteilung sei, dreht Bowie erst so richtig auf. Es sei eine "außerirdische Lebensform, die gerade erst gelandet ist", sagt er und grinst.

Dann referierte er noch über Marcel Duchamp und darüber, dass Kunst so lange nicht vollendet sei, bis das Publikum seine eigene Interpretation hinzufügt. "Das eigentliche Kunstwerk ist die Graufläche in der Mitte", sagt Bowie, und werde im 21. Jahrhundert immer wichtiger. Und das klingt dann ziemlich genau nach jener niemals abschließenden Remix- und Mem-Kultur, die das Internet heute auszeichnet. Insofern passt das alles schon ziemlich gut zum Text von "Telling Lies". Im Refrain singt Bowie: "Ooh, a visionary, ooh, a missionary".