Nach Protesten von Holocaust-Überlebenden Uni Tel Aviv sagt Wagner-Konzert ab

Es sollte ein Konzert werden, das "die Musik von der Politik trennt". Doch die Universität von Tel Aviv fügte sich dem Druck wütender Holocaust-Überlebender und annullierte das erste große Richard-Wagner-Konzert, das es in Israel seit Jahrzehnten geben sollte. Der Veranstalter Jonathan Livny erwägt nun eine Klage.

Von Peter Münch, Tel Aviv

Der Tabubruch fällt aus, das für Mitte Juni geplante Wagner-Konzert in Tel Aviv muss abgesagt werden. Kurzfristig zog die Universität die Genehmigung zurück, das Konzert samt angeschlossenem Symposium in seinen Räumen stattfinden zu lassen. Ein Sprecher erklärte dies mit heftigen Protesten gegen die Aufführung von Stücken des Komponisten, der in Israel als Antisemit und Lieblingskomponist Adolf Hitlers seit Jahrzehnten boykottiert wird.

Der Jerusalemer Anwalt Jonathan Livny ist mit seinem Ziel gescheitert, den seit 1938 in Israel geltenden Boykott des Komponisten Richard Wagner zu durchbrechen.

(Foto: dpa)

Bei der Anmietung der Halle sei verschwiegen worden, dass ein Wagner-Konzert stattfinden soll, hieß es. Der Veranstalter Jonathan Livny widersprach dieser Darstellung allerdings vehement. "Das war kein Geheimnis", sagte er der Süddeutschen Zeitung, "wir haben von Anfang an gesagt, was wir vorhaben." Für die Absage macht er "Druck von sogenannten Organisationen der Shoa-Überlebenden" verantwortlich.

Livny, der in Jerusalem als Anwalt und Notar arbeitet, hatte Ende 2010 in Israel eine Wagner-Gesellschaft gegründet mit dem Ziel, den seit 1938 geltenden Boykott des Komponisten zu durchbrechen. Sein Anliegen ist es, "die Musik von der Politik zu trennen". Er beruft sich dabei auch auf seinen Vater, einen Holocaust-Überlebenden aus Hanau. Der habe gesagt, "Wagner war ein scheußlicher Mann und ein furchtbarer Antisemit, aber er hat die beste Musik geschrieben".

Für das nun geplante Konzert hatte Livny den israelischen Dirigenten Asher Fisch sowie ungefähr 100 Musiker aus allen großen israelischen Orchestern gewinnen können. In der israelischen Musikszene bröckelt der Boykott seit langem, immer wieder haben Musiker den verfemten Komponisten auch schon im Ausland gespielt.

Das Israelische Kammerorchester wagte es im vorigen Jahr sogar, Wagner in Bayreuth im Umfeld der Festspiele aufzuführen. Versuche von Dirigenten wie Zubin Mehta oder Daniel Barenboim, dies auch auf israelischem Boden zu machen, waren jedoch stets im Eklat geendet.

Hunderte Karten bereits verkauft

Nun wurde auch der jüngste Anlauf von Jonathan Livny mit dem Dirigenten Asher Fisch ausgebremst. Hunderte Karten seien bereits verkauft worden, sagt Livny und verweist auf einen Vertrag, den er mit der Universität zur Anmietung der Halle geschlossen habe. "Ich suche nun eine Möglichkeit, vor Gericht zu gehen und sie zu zwingen, das Konzert durchzuführen", kündigte er an. Angesichts der knappen Zeit sei dies allerdings ebenso schwierig wie eine andere Konzerthalle zu finden.

Aufgeben aber will er auf keinen Fall. Allen Anfeindungen und Rückschlägen zum Trotz sagt er: "Ich bin erst am Anfang."