Von M. Knoben

Wie das Kino die Krise spiegelt: Der Spielfilm klammert sich an Originalschauplätze, im Dokumentarfilm dagegen herrscht Showtime.

Einen "Doku-Film" hat Christian Schertz, der Anwalt der Ponto-Witwe, den "Baader Meinhof Komplex" genannt - und damit die Klage seiner Mandantin wegen Entstellung der historischen Tatsachen beim Mord an ihrem Gatten begründet (SZ vom 10./11. Januar). Regisseur Uli Edel hatte, sehr viel früher und nicht vor Gericht natürlich, bei der Beschreibung des Regiekonzepts gar von "Cinéma vérité" gesprochen. In beiden Fällen: Was für ein Unsinn! Aber die Anmutung des Authentischen zieht. Seit Jahren gibt es die Tendenz, dass sich Dokumentar- und Spielfilm aufeinander zu bewegen. So erfolgreich wie derzeit aber waren die Mischformen noch nie.

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Kriegserlebnisse im Zeichentrickformat: "Waltz with Bashir wurde mit als beste fremdsprachige Produktion mit dem Golden Globe ausgezeichnet. (© Foto: ap)

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Am Sonntag wurde "Waltz with Bashir", Ari Folmans Dokumentation im Zeichentrickformat über seine Erlebnisse im Libanon-Krieg, als beste fremdsprachige Produktion mit einem Golden Globe ausgezeichnet. Und Matteo Garrones Mafia-Kriegsfilm "Gomorrha", der in derselben Kategorie nominiert war, hat im Vorjahr fünf Europäische Filmpreise abgeräumt und in Cannes den Großen Preis der Jury kassiert. Die Goldene Palme gewann dort Laurent Cantets "Die Klasse" über Problemschüler in Paris, der diese Woche in Deutschland anläuft. Auch an der Kinokasse waren diese dokumentarisch anmutenden Spielfilme erstaunlich erfolgreich.

"Vertrauen" ist dabei das Schlüsselwort, in der Wirtschaft ebenso wie im Kino. Der Crash der Banken und der Einbruch der Aktien- und Immobilienmärkte brachte eine Blase zum Platzen, deren illusionäre Aufgeblähtheit schon länger zu spüren war. Das System, mit dem "aus dem Nichts" viel Geld zu machen war, ließ selbst seine Gewinner langsam misstrauisch werden. Es wuchs die Ahnung, dass man auf Pump lebte, dass die Finanzwerte keine realen Gegenwerte mehr hatten.

Da das Kino mit etwa ein bis zwei Jahren Verspätung auf solche Stimmungen reagiert, kommen jetzt die Filme auf die Leinwand, in denen sich dieses Unbehagen manifestiert. Dabei ist unter den Spielfilmern eine regelrechte Sinnkrise zu beobachten. Ein Misstrauen gegenüber der Fiktion, das sich mit der Verunsicherung durch eine zunehmend fiktionalisierte Wirtschaftswelt vielleicht erklären lässt. Wo zu viele Werte virtuell geworden waren, mochten viele europäische Autoren der Illusionsmaschine des Kinos nicht mehr trauen. Der amerikanische Film ist den Realismus der Antikriegsfilme schon wieder leid.

Zettelkasten-Realismus

Wie eine magische Zutat wurde "das Wirkliche" in den historischen Filmen des vergangenen Jahres beschworen. Für den "Baader Meinhof Komplex" wurden Tonbandprotokolle abgehört und Polizeiberichte studiert, Schüsse gezählt und im originalen Gerichtssaal der Stammheimprozesse gedreht. Dass es für diesen mit viel Star-Power versehenen, kühl kalkulierten Film mit seinem Zettelkasten-Realismus keinen Golden Globe gab, verwundert allerdings nicht. Ein ähnliches Echtheitszertifikat sollten die Aufnahmen im historischen Bendlerblock für "Operation Walküre" sein. Dabei ist die Szene im Film so kurz und so dunkel, dass sie sonstwo gedreht sein könnte.

Da gehen Laurent Cantets "Die Klasse" und Matteo Garrones "Gomorrha" schon raffinierter vor, die beide als Beispiele dafür gelten können, wie produktiv die Annäherung von Spiel- und Dokumentarfilm sein kann. Cantet schildert in Anlehnung an den Tatsachenroman von François Bégaudeau dessen Arbeit als Lehrer, Bégaudeau spielt im Film auch selbst die Hauptrolle. Gedreht wurde mit "echten" Schülern in einer "echten" Schule an einem sozialen Brennpunkt in Paris. Und obwohl Cantet die Schüler als Darsteller sieht und diese keineswegs sich selbst spielen, bringen sie doch vieles ganz einfach mit, was sich nicht inszenieren ließe: ihren Migrantenslang und ihre Körpersprache, ihre Art zu schimpfen und zu provozieren, wie sie dösend in der Bank hängen, sich kratzen, mit dem Handy unter der Bank spielen oder ungeduldig mit dem Fuß wippen.

Cantet hatte drei Kameras aufgebaut, um solche Details nicht zu verpassen. Eine davon war auf den Lehrer gerichtet, eine zweite auf die Schüler, die laut Drehbuch gerade im Mittelpunkt standen, die dritte nahm ausschließlich Zwischenschnitte auf. Diese dienen nicht nur dazu, die Authentizität des Erzählten zu beglaubigen, sie machen einen entscheidenden Teil der Geschichte aus, deren scheinbare Ereignislosigkeit dem Alltag einer Schulklasse überzeugend entspricht.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, welcher Film Ethan Hawke eine Nahtoderfahrung bescherte.

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