Jay Leno witzelte, Saddam Hussein habe bereits einen Antrag auf Verlegung seines Prozess ins kalifornische Santa Maria gestellt. Denn dort wird offensichtlich jeder freigesprochen. Doch verbergen die bizarren Bilder des Jackson-Prozesses die Konflikte innerhalb der amerikanischen Gesellschaft.
Der Prozess gegen Michael Jackson war so bizarr wie seine Protagonisten. Kein Drehbuchschreiber hätte es gewagt, sich solche Figuren auszudenken und erst recht nicht diese Dramaturgie: Nach dem Freispruch blieb ein schaler Nachgeschmack. Kein Dämpfer für den Angeklagten, nicht einmal eine gerichtliche Ermahnung, künftig keine Pyjamaparties mit kleinen Jungs zu feiern.
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Höhepunkt der visuellen Plädoyers waren dann die Bilder aus Sexheftchen und erotischen Bildbänden, die man in Jacksons Schlafzimmer gefunden hatte. (© Foto: AP)
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Es dauerte keine zwölf Stunden, da hatte das Sensationsurteil schon in die Talkshowmonologe gefunden. Die Gagschreiber waren sich einig, dass die kalifornische Justiz hier wie schon bei O.J. Simpson und Robert Blake einen prominenten Angeklagten laufen gelassen hatte, für den lediglich die Zweifel sprachen. Jay Leno witzelte, Saddam Hussein habe schon einen Antrag auf Verlegung seines Prozess ins kalifornische Santa Maria gestellt. Und das waren noch die freundlichen Kommentare.
Doch die Verhandlung war mehr als nur als nur groteske Schmierenkomödie. Amerika findet über solche Sensationsprozesse immer wieder zu sich selbst. Was sich im surrealen Kampf der Bilder widerspiegelte, war der ewige Konflikt zwischen dem Hyperrealismus und der Weltflucht der amerikanischen Gesellschaft. Auf der einen Seite die Beweisfotos und Verhörvideos des Sheriff's Department, die mit ihrer amateurhaft ausgeleuchteten Sachlichkeit versuchten, Behauptungen als Realität zu verkaufen. Auf der anderen Seite die weichgezeichneten Videos aus Neverland, die mit ihrer saccharinsüßen Emotionalität von den Angriffen ablenken und die Geschworenen von der herzensguten Naivität des Angeklagten überzeugen sollten.
Der Prozess wurde von Beginn an als Kampf der Bilder ausgetragen. Auslöser war die Dokumentation "Living With Michael Jackson" gewesen, in der der Popstar mit dem Klägerjungen Händchen hielt und sagte, es sei Zeichen großer Liebe, mit Kindern das Bett zu teilen. Beide Seiten wussten um die Macht dieser Bilder. Das Sheriff's Department von Santa Maria führte seine erste Hausdurchsuchung der Neverland Ranch an dem Tag durch, an dem Michael Jacksons Best-Of-Album erschien, inszenierte zwei Tage später eine demütigende Verhaftung und gab das inzwischen legendäre Häftlingsfoto an die Presse. Fünf Tage später antwortet Jackson auf die Vorwürfe in der Fernsehsendung "60 Minutes". Kurz vor Beginn des Verfahrens veröffentlichte er auf seiner Website ein Video, auf dem er seine Unschuld beteuerte.
Die Bilderflut riss während der Verhandlungen nicht ab. Die wichtigsten Beweismittel und Aussagen wurden an die Rückwand des Gerichtssaales projiziert. Die Öffentlichkeit musste sich indes mit den Endlosschleifen der Nachrichtenbilder und den Besserwissergesichtern der Hetzer und Abwiegler in den Talkshows zufrieden geben. Höhepunkt der visuellen Plädoyers waren dann die Bilder aus Sexheftchen und erotischen Bildbänden, die man in Jacksons Schlafzimmer gefunden hatte, mit denen die Staatsanwaltschaft die pädophilen Neigungen des Angeklagten beweisen wollte.
Doch es war nicht nur der Kampf der Bilder und ihrer Bedeutungen, der sich in dem juristischen Zweikampf entlud. Michael Jackson war nur die letzten Jahre seines bisherigen Lebens die groteske Zwittergestalt, als der ihn die Welt nun kennt. Kaum jemand erinnert sich noch daran, dass der junge Jackson, der als strahlende Star der Plattenfirma Motown, einmal als kultureller Hoffnungsträger der Bürgerrechtsära gehandelt wurde. Sein Aufstieg zum Weltstar diente in den Achtzigern vielen als Allegorie für die Wohlstandsträume eines neuen schwarzen Mittelstandes.
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