Myanmar Die reine Leere

Sie haben noch nie von Naypyidaw gehört? Dabei ist die Stadt gigantisch, neunmal so groß wie Berlin - nur Bewohner fehlen. Ein Besuch in der Geistermetropole.

Von Jörg Häntzschel

Etwas stimmt nicht. Ist es das leere Rollfeld draußen? Ist es der Granitboden hier im Terminal, der so glänzt, als sei er erst gestern verlegt worden? Oder sind es die Angestellten, die an der Andenkenauslage nesteln und auf Regieanweisungen zu warten scheinen wie die Statisten in "The Truman Show". Von den 3,5 Millionen Passagieren jährlich, für die der Naypyidaw International Airport ausgelegt ist, ist jedenfalls nur eine Handvoll zu sehen. Es ist acht Uhr morgens. Bis zum Abend werden laut Monitor nur noch fünf Maschinen erwartet. Wie jeden Tag.

Am 6. November 2005 brachen 1100 Militärtransporter mit elf Bataillonen und den Mitarbeitern von elf Ministerien in der birmanischen Hauptstadt Yangon auf und fuhren auf einer neuen Autobahn 320 Kilometer ins Landesinnere. Fünf Tage später, am 11.11. - die Elf bringt Glück bei Stadtgründungen -, war Yangon, die schöne, bröckelnde, mit Blut getränkte Fünfmillionenmetropole des Landes, das früher Birma hieß und jetzt Myanmar, nicht mehr Hauptstadt. Der neue Regierungssitz lag nun hier, am Ende der Piste. In einer 7000 Quadratkilometer großen Stadt - neun Mal so groß wie Berlin -, die unter strengster Geheimhaltung in ein paar Jahren aus dem Boden gestampft worden war, wo bisher nichts war als Gras und Reisfelder. Regierungsangestellte, die sich weigerten, ihre Familie zurückzulassen und nach Naypyidaw zu ziehen, kamen ins Gefängnis.

Neue Hauptstädte waren bei Staatsführern schon immer beliebt. Zum Zweck der Geschichtsentsorgung und nationalen Häutung, für idealistische Neuanfänge oder effektvolle Machtinszenierungen. In Myanmar selbst, aber auch anderswo: Washington D.C., Brasília, Canberra und Islamabad wurden auf der grünen Wiese gebaut, zuletzt kamen noch Putraya in Malaysia und Astana in Kasachstan dazu. Auch die ägyptische Regierung will demnächst aus Kairo in eine frische, unbelastete Satellitenstadt auf dem Land fliehen.

Die meisten dieser neuen Kapitalen sind verwegene Darstellungen von zukünftiger Größe. Wie Washington, dessen Klassizismus auf London und Paris macht. Oder Brasília, dieser betongewordene Traum von Modernismus und Demokratie. In Naypyidaw sucht man lange nach solchen Statements. Man sucht die Stadt selbst. Vor allem aber deren Bewohner.

Als die Vorhut der Beamten eintraf, rieben sie sich jedenfalls die Augen. Nicht anders geht es einem heute. Das, was da aus dem Dunst auftaucht, scheint tatsächlich ein Einkaufszentrum zu sein. Und am Ufer dieses künstlichen Sees mit den Hotel-Pavillons könnte man den Sonnenuntergang genießen wie auf dem Werbe-Billboard. In dem Bürohaus gegenüber könnte man irgendwelchen Geschäften nachgehen. Doch es ist niemand da, der all das oder sonst irgendetwas tut. Eine Million Menschen sollen hier leben, behauptet die Regierung. 300 000, ergab der letzte Zensus. Wo sind sie? Man beginnt, an seiner Wahrnehmung zu zweifeln.

Das ist auch Stunden später noch so, nach den ersten 250 Kilometern, die hier zügig zurückgelegt sind - man hat die Straßen für sich alleine. Es ging vorbei am Edelstein-Museum, wo ein Aufseher dem Besucher Raum für Raum das Licht an- und wieder ausschaltet. Vorbei an einem der beiden supermodernen Sportkomplexe, die für die asiatischen SEA-Games 2013 gebaut wurden (beim Eröffnungsspiel verloren sich 200 Zuschauer auf den 30 000 Plätzen des Fußballstadions, erzählt einer, der dabei war). Vorbei am Water Fountain Garden, am Herbal Garden und am Zoo, dem größten in Südostasien, wo die Pinguine die Kälte ganz allein genießen.

Es gibt in Naypyidaw so viele unterschiedliche Arten der Leere wie in der Arktis Schneesorten. Es gibt die romantische, wie die im Landmark Garden mit seinen abblätternden Miniatursehenswürdigkeiten. Es gibt die erdrückende Leere. Sie hängt tonnenschwer über dem Aufmarschplatz der Armee, der groß ist wie ein Flughafen - und mitten in der Stadt liegt. Und es gibt die furchterregende Leere der verwaisten Golfplätze, der von bleierner Stille umhüllten Wohnblocks. Wo sind die Menschen? Etwas Schreckliches muss passiert sein.

Wie tarnt man die Leere? Indem man noch mehr baut. Und alles dauernd neu dekoriert

Was tun? Ein Trick ist, noch mehr zu bauen. Solange man baut, steht auch eine leere Stadt nicht still. Deshalb werden in der Hotelzone 2 gerade Dutzende floridianisch inspirierte Bettenburgen hochgezogen. Manche warten schon ganz in Pastell auf die Gäste, die nie kommen werden, für andere wird noch der Dschungel gerodet.

Ein anderer Trick besteht darin, die vorhandenen Bauten laufend neu zu dekorieren. Dieselben Menschen, die hier früher Felder bestellten, schleppen sich jetzt in Kommandos von 20, 30 Leuten die Magistralen entlang und pflanzen und gießen, jäten und fegen. In Tücher gehüllt wie Beduinen oder unter Strohhüten, kauern sie bei 40 Grad auf dem glühenden Asphalt und gestalten Blumenornamente, die in einem europäischen Schlosspark allzu prunkvoll erschienen. Zu Hause haben sie kein fließendes Wasser, hier halten sie tagein, tagaus den Schlauch in die Beete. Die Arbeit an der Kulisse ist in der Potemkinschen Hauptstadt eine Schlüsselindustrie.

Doch es gibt hier auch eine dröhnende Leere, die wirklich wehtut. Und die ist nirgends lauter als an der 22-spurigen Yaza Htarni Road. Alle paar Minuten taucht im Hitzeflimmern ein Wagen auf, schießt vorbei und verschwindet dann hinter einer fünf Meter hohen, von allen Seiten beplätscherten Betonlotusblüte in der Mitte des Kreisverkehrs. Der einzige Mensch hier ist eine Ministeriumsangestellte, die mit einem platten Reifen am Motorroller gestrandet ist und nun nach Hilfe telefoniert.

Ihren Namen will sie nicht sagen, nur dass sie, wie viele, die hier arbeiten, aus Pyinmana kommt, dem Nachbarort. Er ist nur 15 Kilometer entfernt, könnte aber in einem anderen Land liegen. Das Städtchen quillt über vor Menschen. Die Frauen stehen im Fluss und waschen die Kleider; die Männer stehen vor den Handy-Läden oder essen in der rauchverhangenen Markthalle an speckigen Holztischen. Die meisten Menschen hier, wie überall sonst in Myanmar, einem der ärmsten Länder der Welt, leben in Bambushütten wie vor tausend Jahren. Von sauberem Trinkwasser oder Elektrizität können sie nur träumen.

Doch hier, in der Fata Morgana der Modernität, ist davon nichts zu spüren. Am wenigsten vor dem schmiedeeisernen Zaun mit den vergoldeten Spitzen, an dem die Yaza Htarni Road beginnt. Hinter dem Zaun, hinter den Zugbrücken und dem Wassergraben, hinter den Pförtnerhäuschen und pseudobarocken Gartenanlagen liegt - ja, was? Ein asiatisches Disney-Neuschwanstein? Kafkas Schloss? Der Palast des Kaisers von China aus "Jim Knopf"? Nein, es ist das Parlament. Nicht ein Gebäude, sondern 31, eine Stadt in der Stadt, deren ganze Ausmaße sich auch aus 300 Metern Entfernung kaum erahnen lassen.

Genau so war es beabsichtigt. Naypyidaw heißt wörtlich "Stadt der Könige", und um die Erfindung einer Art von zeitgenössischem Absolutismus ging es bei der Verlegung der Hauptstadt. Betrieben wurde sie vom damaligen Staatsoberhaupt Than Shwe, dem General, der das Land von 1992 bis 2011 mit harter Hand führte. Der frühere Briefträger und spätere Chef der Abteilung für psychologische Kriegsführung war als Staatschef eher für die gnadenlose Unterdrückung des Volkes und seine gerissenen Machtspiele bekannt als für Sonnenkönig-Allüren. Dennoch zweifelt in Myanmar niemand daran, dass er sich mit der neuen Hauptstadt eine 7000-Quadratkilometer-Krone bauen ließ.

Könige haben in Myanmar immer wieder neue Hauptstädte gegründet. Und Than Shwe, der sein korruptes Regime zu legitimieren suchte, wollte ihnen nicht nachstehen. Im Parlamentskomplex ließ er sich einen Palast mit 100 Zimmern bauen. Wie seine Vorgänger stiftete er eine Pagode. Sie ist nur 30 Zentimeter kleiner als die Shwedagon-Pagode in Yangon. In wessen Tradition er sich sah, illustrieren die großen Statuen dreier birmanischer Könige, die wie kampfwütige Superhelden am Rand des Truppenaufmarschplatzes über die Jagdbomber und Panzer wachen.

Dem Volk selbst erklärte man den Umzug natürlich anders: Der Westen, behauptete die Regierung, drohe das bitterarme, an Bodenschätzen aber überreiche Land zu annektieren wie zuvor Afghanistan und den Irak. Yangon, unweit vom Meer gelegen, wäre einer Invasion schutzlos ausgeliefert gewesen. In Wahrheit jedoch verfolgte die Machthaber eine ganz andere Angst. Die vor der eigenen Bevölkerung: vor den ethnischen Minderheiten, mit denen die birmanischen Regierungen seit Jahrhunderten im "längsten Bürgerkrieg der Welt" stehen; und die vor den Studenten, deren Aufstände die Junta 1988 mit brutaler Gewalt unterdrückte. Tausende starben damals, die Überlebenden warf man ins Gefängnis. Seitdem schlief das Militär im überfüllten Yangon nicht mehr gut.

Noch mehr als ein Instrument von Symbolpolitik ist Naypyidaw ein Produkt staatlicher Paranoia. Sollte es je kritisch werden, kann die Regierung sich immer in die geheimen Tunnel flüchten, die die Freunde aus Nordkorea im Regierungsviertel angelegt haben. Und die erwähnte Yaza Htarni Road ist nicht so breit, um Staus zu vermeiden. Sondern damit auf ihr auch die größten Militärmaschinen landen können. So weit dürfte es aber kaum je kommen. Aus Angst vor dem Volk baute man Straßen ohne Schatten, ohne dunkle Ecken, vor allem ohne Menschen. Störer fallen hier auf, lange bevor sie stören könnten.

Kameras, Poller, Checkpoints, mit denen viele westliche Städte nach 9/11 nachgerüstet wurden, hatte man hier kaum nötig. Hier ist die Paranoia schon in die DNA der Stadt eingebaut. Naypyidaw ist ein gigantisches und sehr effektives Instrument der Überwachung und Ruhigstellung.

Wie frühe sowjetische Städte hat man sie in "Zonen" geteilt: Hotelzone, Botschaftszone (bisher allerdings ohne Botschaft), militärische Zone und Ministerienzone. Und schließlich die Wohnviertel, in denen die Menschen wiederum nach Unterkategorien wie Dienstgrad und Arbeitgeber sortiert sind. Die Angestellten der Gesundheitsbehörde wohnen in grünen Blocks, die aus dem Landwirtschaftsministerium in blauen. Die alleinstehenden Frauen wohnen sowieso separat. Das Niemandsland, das sich dazwischen ausbreitet, wurde nicht für zukünftiges Wachstum frei gelassen, sondern um sicherzustellen, dass jeder immer nur seinesgleichen trifft, und sich umstürzlerische Energie nicht ausbreiten kann. Naypyidaw ist die größte Quarantänestation der Welt.

Als einziger Repräsentativbau ist das Parlament spektakulär in Szene gesetzt. Der Palast des "Königs" muss nun einmal gut sichtbar sein. Die Behörden und Ministerien aber hat man entlang kurvigen Straßen in einer waldigen Hügellandschaft verteilt. Sollte jemand vor ihnen demonstrieren wollen, er müsste lange suchen. Und die Zentrale des Staatsfernsehens, ein beliebtes Ziel bei Umsturzversuchen, hat man weit außerhalb im Grünen versteckt.

"Fast südkalifornisch" hat ein Autor den verschwenderischen Umgang mit Platz in Naypyidaw genannt - und die dahinrollende Landschaft, über die wie aus lockerer Hand Armeecamps, Stadien und die Metastasen der birmanischen Bürokratie verstreut sind: Eine Stadt, die von Generälen am Reißbrett entworfen wurde, stellt man sich anders vor. Doch Naypyidaws völlig unmilitärische Anlage sichert die Überlegenheit des Militärs zuverlässiger als Sichtachsen, Paläste, Mauern. Es gibt kein Zentrum, keine Knotenpunkte, keine Angriffsflächen. Es gibt keine Ordnung, keine Logik, kein Prinzip. Je länger man durch die Stadt driftet, desto mehr entzieht sie sich und desto weniger Halt findet man.

Das Ungreifbare und Unsichtbare der Stadt, das nichts zu tun zu haben scheint mit den Showeffekten anderer Hauptstädte, ist aber nur eine weitere Fassade. In Wahrheit diente alles an Naypyidaw - von der Existenz der Stadt selbst über den Namen und den Standort bis hin zur Architektur - dazu, Than Shwes Regime zu festigen. Er positionierte sie exakt in der Mitte des Landes und in der von der birmanischen Mehrheit bevölkerten Region, um die Minderheiten symbolisch noch weiter an den Rand zu drängen. Und er bereinigte und begradigte die Geschichte, bis sich eine Linie von den jahrhundertealten Königen bis zu ihm selbst ergab. Die schmachvolle Kolonialvergangenheit? Sie blieb zurück in den von den Briten gebauten Regierungsgebäuden in Yangon. Das Chaos der alten Hauptstadt, an dem jeder sofort auf die Inkompetenz der Junta schließen konnte? Es wurde ersetzt durch diese Freiluftausstellung der perfekten Infrastruktur.

Aussortiert wurde aber auch alles, was an die Aufstände von 1988 erinnert. Than Shwe ließ die Uppatasanti-Pagode ja nicht nur bauen, um König zu spielen und die neue Hauptstadt im Eilverfahren zu sakralisieren. Und er baute sie nicht nur als Beinahe-Kopie der heiligsten von allen, der 99 Meter hohen Shwedagon-Pagode in Yangon, damit die neue Hauptstadt der alten in nichts nachsteht. Sondern auch um alles, was sich um die Original-Pagode abspielte, vergessen zu machen: Demonstrationen, Straßenschlachten und die berühmte Rede von Aung San Suu Kyi, die sie zur Schlüsselfigur der Demokratiebewegung machte. Säuberlich hat Than Shwe die politische von der religiösen Bedeutung der Pagode abgespalten und die Leerstelle dann geschickt gefüllt: Direkt neben den Stufen, über die man den Tempel besteigt, schwenken sechs weiße Elefanten ihre Rüssel - nach birmanischem Glauben Künder von Glück und Macht. Jeder Besucher der Stadt muss sie sehen.

Dieses Überwachungsmonstrum macht die Demokratisierung des Landes noch schwerer

Dieselbe Aung San Suu Kyi ist die aussichtsreichste Kandidatin der Opposition, wenn am 8. November in Myanmar Parlamentswahlen stattfinden. Es geht dabei um die Frage, ob das Land sich endlich für die Demokratie entscheidet, oder ob es sich weiter von den früheren Generälen gängeln lässt, die seit dem offiziellen Ende der Diktatur 2011 weiterhin alle Schlüsselpositionen innehaben.

Sie sind kaum loszuwerden. Mit dem Bau der Hauptstadt haben sie sich selbst und ihren Familien auf Generationen Einfluss und Reichtum gesichert: Er diente ihnen dazu, während der Sanktionen Geld zu waschen und ins Ausland zu verfrachten; die Bauaufträge und Lizenzen wurden unter den Familien der Machthaber aufgeteilt. Hotels, Airlines, Flughafen sind bis heute fest in ihrer Hand. Und mit der Stadt selbst, die aufzugeben kaum jemand ernsthaft erwägt, haben sie dem Land ein bauliches Erbe hinterlassen, das die Demokratisierung des Landes und seine Zivilgesellschaft für Jahrzehnte lähmen wird. Wie liberal Myanmars Politiker in Zukunft auch sein werden - sie werden von den Menschen des Landes genauso isoliert sein wie die Generäle.