Muslime in Europa Eine ganze Religion in Verruf

Der sippenhaftartige Bekenntniszwang aber schafft neue Bitterkeit, und dies nicht nur, weil er eine Identifikation mit den Tätern unterstellt, die an sich schon beleidigend ist. Mehr noch: Er zielt oft unausgesprochen eben nicht nur auf die Distanzierung von Mord und Terror, sondern von der Religion an sich. Selbst jene Muslime, die seit Jahren in Europa still und unbemerkt einen friedlichen, moderaten, demokratiekompatiblen Islam leben, müssen nun bohrende Fragen beantworten: ob ihr Glauben wirklich friedlich, moderat und demokratiekompatibel sein könne.

Gewiss, die Islamexegese der vergangenen Jahrhunderte wird heute von Konservativen dominiert, innerislamische Debatten über das Verhältnis zur Moderne haben in den vergangenen 150 Jahren eher radikalere Strömungen hervorgebracht. Und ja, wie in der Bibel gibt es auch im Koran Passagen, die Gewalt gegen Ungläubige fordern.

Eine Milliarde Muslime lesen diese Stellen wenn nicht historisch, so doch metaphorisch, ohne in den Krieg zu ziehen, eine terroristische Minderheit greift zu den Waffen - und beruft sich auf den Koran. Aber wer Kriminellen ihre verquasten religiösen Rechtfertigungen abkauft, nimmt ihre theologische Expertise ernster, als sie es verdient.

Muslime fühlen sich unverstanden

Gerade jene Muslime hingegen, die all diese Verirrungen und Verhärtungen benennen und beklagen, geraten erst recht unter Druck: Wenn sie alle Defizite ihres Glauben so kristallklar sehen, warum treten sie dann nicht aus?

Alle Bemühungen um eine "Distanzierung" müssen zwangsläufig da ins Leere laufen, wo sie unerfüllbar sind. Die Mehrheit der europäischen Muslime ist mindestens so schockiert über den Mord an zwölf Menschen wie Christen und Juden, und sie wären es nicht weniger, wenn unter den Toten nicht der muslimische Polizist Ahmed Merabet wäre.

Terror, der Muslime doppelt trifft

"Eine schwere Stunde für unsere Gemeinschaft": Beim Freitagsgebet in der Großen Moschee in Paris trauern Muslime um die brutal ermordeten Mitbürger - und sind wütend, dass ihr Glaube von Terroristen missbraucht wird. Reportage von Felicitas Kock mehr ... Reportage

Sie schätzen Rechtssicherheit, die Trennung von Religion und Staat, Meinungsfreiheit. Aber sie leiden außerdem mit den Palästinensern im zerstörten Gaza, mit den Irakern unter der Besatzung durch die USA und George W. Bush, sie fiebern mit den Jugendlichen auf dem Taksim-Platz in Istanbul, aber auch mit dem lokalen Fußballclub.

Sie leben oft in verfallenen Vorstädten europäischer Metropolen, fühlen sich diskriminiert für ihren Glauben, unverstanden, ja, ungehört. Sie lehnen den Mord an den Charlie-Hebdo-Zeichnern ab, aber sie finden nicht, dass man Mohammed als lächerliche Figur zeigen muss. Manches davon ist die Fortsetzung eines kollektiven Komplexes, manches Verschwörungstheorie über eine unbesiegbare Allianz des Westens zum Schaden der Muslime in aller Welt.

Gesprächsklima ist vergiftet wie nie

Aber alles dies gehört zur komplexen Identität von Muslimen in Europa, die oft zusammenbringen und zusammenbringen müssen, was eigentlich nicht zusammengeht. Ihr seid einen Tag Charlie, aber wir sind jeden Tag Gaza, hat ein französischer Muslim einem Internet-Magazin gesagt, und das trifft es ziemlich präzise.

Die Loyalität zu Frankreich, zu Deutschland, zu Europa wird ergänzt durch die Solidarität mit der großen islamischen oder arabischen Gemeinschaft, auch wenn diese Bindung manchmal nur behauptet wird oder gerade in der zweiten und dritten Generation von religiösen Hetzern und Garagenscheichs übersteigert und missbraucht wird.

Manchmal ergeben sich daraus Widersprüche, wie im Fall des Attentats auf Charlie Hebdo und ganz generell bei Anschlägen. Diese Leerstelle zwischen Loyalitätserwartung der Mehrheit und dem Identitätsbeharren der Minderheit ist eine Schlüsselfrage für diese wie für jede Integration. Darüber müsste diskutiert werden. Nur ist das Gesprächsklima vergiftet wie nie.