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Muslime in Europa Zusammenbringen müssen, was nicht zusammen geht

Nach den Anschlägen in Paris organisierten Muslime in Berlin eine Mahnwache am Brandenburger Tor.

(Foto: Getty Images)
Nicht nur nach dem Anschlag auf "Charlie Hebdo", sondern nach jedem Anschlag von Dschihadisten, wird von Muslimen in Europa verlangt, dass sie sich vom Terror distanzieren. Aber wie sehr sie sich auch zum Rechtsstaat bekennen - sie gelten stets als illoyal. Warum der Dialog im Moment so vergiftet ist wie nie.
Von Sonja Zekri

Es ist, nach all dem Hass und dem Schmerz, dem Tod, dem Spott, den Abgründen eine große, eine herzzerreißend versöhnende Geste: Das Titelbild der neuen Ausgabe von Charlie Hebdo , veröffentlicht von den Überlebenden des Massakers durch islamistische Terroristen an ihren Kollegen, zeigt - vor islamisch grünem Hintergrund - den Propheten mit dem Slogan: "Ich bin Charlie", darüber die Worte: "Alles ist verziehen." Und Mohammed weint.

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Es schmälert nicht das Leid der Redaktion in Paris, wenn man festhält, dass dies für die Karikaturisten eine eher ungewöhnliche Haltung ist und dass sich die Zeichnung auch ganz anders und viel sarkastischer lesen lässt. Dann nimmt der Kopf Mohammeds mit Turban und Nase eine andere, weniger unverfängliche Form an.

Bislang war der radikale Spott ihr bevorzugtes Stilmittel, ihr Instrument der Aufklärung, nicht nur, aber auch über den Islam, ja, den Propheten selbst. Für viele Muslime, außer den sehr, sehr säkularen, ist dies unerträglich. In einem ruhigeren Moment, wenn das Entsetzen über die Tat nicht mehr alles dominiert und die Angst vor einer Einschränkung der Meinungsfreiheit sich gelegt hat, könnte man darüber nachdenken, ob das wirklich so funktioniert:

Ob Provokationen der Religion tatsächlich eine Art Gewöhnung hervorbringen, eine sinkende Reizschwelle - oder genau das Gegenteil. Es ist ja sehr die Frage, ob sich der eigene Toleranzbegriff durch die Leidensfähigkeit des anderen demonstrieren lässt oder gerade nicht.

Meinungsfreiheit ist kein absolutes Gut

Auch strenggläubige Katholiken oder orthodoxe Juden begreifen wie alle Fundamentalisten Hohn und Spott ja nicht als Einladung zum Dialog. Nur bleiben ihre Reaktionen meist innerhalb des rechtsstaatlichen Rahmens, so wie überhaupt die Meinungsfreiheit zwar eines der höchsten Güter der europäischen Kultur ist, aber eben kein absolutes.

Auch für französische oder deutsche Medien, für Literatur, sogar für das Internet gibt es Grenzen. Volksverhetzung, Persönlichkeitsrechte, Gewaltverherrlichung, Nazi-Propaganda - auch wir haben Empfindlichkeiten, sogar Tabus, die ständig justiert und neu ausgehandelt werden. Nur werden diese inzwischen vor Gericht ausgetragen, nicht mit Waffen.

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Für die Muslime Europas ist das natürlich keine Hilfe. Nicht erst seit diesem, sondern nach jedem Anschlag von Dschihadisten in Europa müssen sie sich von einer Tat distanzieren, die sie nie gutgeheißen haben. Imame, Würdenträger, Journalisten, Schriftsteller, Karikaturisten in Frankreich, Deutschland und in der arabischen Welt gedenken der Terroropfer, solidarisieren sich mit den Überlebenden, verurteilen Gewalt und bekennen sich zu Meinungsfreiheit und europäischen Werten.

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Internetkampagne distanziert sich vom Islamischen Staat

Am Dienstag riefen die Syrische Nationale Koalition und der Zentralrat der Muslime zur Mahnwache vor dem Brandenburger Tor in Berlin auf - als wären die Syrer nach 200 000 Toten im Bürgerkrieg, unter ihnen viele Journalisten, nicht selbst ein Fall für Mahnwachen. Arabische Zeichner fertigten - wie ihre Kollegen in Europa - Karikaturen im Andenken an die getöteten Mitarbeiter von Charlie Hebdo an.

Bereits im September, als die Kopfabschneider des Islamischen Staates (IS) die Welt schockierten, hatten britische Muslime den Hashtag "Notinmyname", nicht in meinem Namen, ins Leben gerufen, heute haben sich Tausende Muslime der Internetkampagne angeschlossen. Es wird ihnen nichts nützen. Die ausländerfeindliche Pegida-Bewegung erhält weiter Zulauf. Und dass zu den stärksten Trends auf Twitter derzeit der Hashtag "killallmuslims", tötet alle Muslime, gehört, zeigt nur, wie tief die Gräben sind.

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Eine ganze Religion in Verruf

Der sippenhaftartige Bekenntniszwang aber schafft neue Bitterkeit, und dies nicht nur, weil er eine Identifikation mit den Tätern unterstellt, die an sich schon beleidigend ist. Mehr noch: Er zielt oft unausgesprochen eben nicht nur auf die Distanzierung von Mord und Terror, sondern von der Religion an sich. Selbst jene Muslime, die seit Jahren in Europa still und unbemerkt einen friedlichen, moderaten, demokratiekompatiblen Islam leben, müssen nun bohrende Fragen beantworten: ob ihr Glauben wirklich friedlich, moderat und demokratiekompatibel sein könne.

Gewiss, die Islamexegese der vergangenen Jahrhunderte wird heute von Konservativen dominiert, innerislamische Debatten über das Verhältnis zur Moderne haben in den vergangenen 150 Jahren eher radikalere Strömungen hervorgebracht. Und ja, wie in der Bibel gibt es auch im Koran Passagen, die Gewalt gegen Ungläubige fordern.

Eine Milliarde Muslime lesen diese Stellen wenn nicht historisch, so doch metaphorisch, ohne in den Krieg zu ziehen, eine terroristische Minderheit greift zu den Waffen - und beruft sich auf den Koran. Aber wer Kriminellen ihre verquasten religiösen Rechtfertigungen abkauft, nimmt ihre theologische Expertise ernster, als sie es verdient.

Muslime fühlen sich unverstanden

Gerade jene Muslime hingegen, die all diese Verirrungen und Verhärtungen benennen und beklagen, geraten erst recht unter Druck: Wenn sie alle Defizite ihres Glauben so kristallklar sehen, warum treten sie dann nicht aus?

Alle Bemühungen um eine "Distanzierung" müssen zwangsläufig da ins Leere laufen, wo sie unerfüllbar sind. Die Mehrheit der europäischen Muslime ist mindestens so schockiert über den Mord an zwölf Menschen wie Christen und Juden, und sie wären es nicht weniger, wenn unter den Toten nicht der muslimische Polizist Ahmed Merabet wäre.

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Sie schätzen Rechtssicherheit, die Trennung von Religion und Staat, Meinungsfreiheit. Aber sie leiden außerdem mit den Palästinensern im zerstörten Gaza, mit den Irakern unter der Besatzung durch die USA und George W. Bush, sie fiebern mit den Jugendlichen auf dem Taksim-Platz in Istanbul, aber auch mit dem lokalen Fußballclub.

Sie leben oft in verfallenen Vorstädten europäischer Metropolen, fühlen sich diskriminiert für ihren Glauben, unverstanden, ja, ungehört. Sie lehnen den Mord an den Charlie-Hebdo-Zeichnern ab, aber sie finden nicht, dass man Mohammed als lächerliche Figur zeigen muss. Manches davon ist die Fortsetzung eines kollektiven Komplexes, manches Verschwörungstheorie über eine unbesiegbare Allianz des Westens zum Schaden der Muslime in aller Welt.

Gesprächsklima ist vergiftet wie nie

Aber alles dies gehört zur komplexen Identität von Muslimen in Europa, die oft zusammenbringen und zusammenbringen müssen, was eigentlich nicht zusammengeht. Ihr seid einen Tag Charlie, aber wir sind jeden Tag Gaza, hat ein französischer Muslim einem Internet-Magazin gesagt, und das trifft es ziemlich präzise.

Die Loyalität zu Frankreich, zu Deutschland, zu Europa wird ergänzt durch die Solidarität mit der großen islamischen oder arabischen Gemeinschaft, auch wenn diese Bindung manchmal nur behauptet wird oder gerade in der zweiten und dritten Generation von religiösen Hetzern und Garagenscheichs übersteigert und missbraucht wird.

Manchmal ergeben sich daraus Widersprüche, wie im Fall des Attentats auf Charlie Hebdo und ganz generell bei Anschlägen. Diese Leerstelle zwischen Loyalitätserwartung der Mehrheit und dem Identitätsbeharren der Minderheit ist eine Schlüsselfrage für diese wie für jede Integration. Darüber müsste diskutiert werden. Nur ist das Gesprächsklima vergiftet wie nie.

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