Musiktheater Triumph des Todes

Frederic Rzewski, geboren 1938, gehört zu den großen amerikanischen Komponisten der Gegenwart. Er lebt in Brüssel und in der Toskana.

Das Auschwitz-Oratorium "Der Triumph des Todes" nach Peter Weiss' Theaterstück "Die Ermittlung" ist ein Hauptwerk des Amerikaners Frederic Rzewski. Die deutsche Erstaufführung in Weimar wurde zum Ereignis.

Von Wolfgang Schreiber

Die dokumentarische Theatercollage "Die Ermittlung" von Peter Weiss (1965) über den Frankfurter Auschwitz-Prozess und das auf ihr basierende Musiktheater "Der Triumph des Todes" des amerikanischen Komponisten Frederic Rzewski (1987) - einzig die Kulturstadt Weimar ist dafür der richtige Ort. Denn Buchenwald, das Konzentrationslager der Nazis, liegt auf einem Hügel in Sichtnähe. Ist es nur ein Zufall? Noch nie wurde Rzewskis den Stück in Deutschland aufgeführt. Erst das Kunstfest Weimar hat es jetzt zusammen mit dem Deutschen Nationaltheater auf die Bühne gebracht. Der anwesende Komponist war von der engagierten Darstellung so überzeugt, dass er sie, im privaten Gespräch, flugs zur Uraufführung erklärte.

"Der Triumph des Todes", ein Musiktheater mit dem Titel des apokalyptischen Gemäldes von Pieter Bruegel, liefert der Vernichtungsmaschinerie eine Art Cantus firmus. Vergleichbar hatte ihn Arnold Schönberg 1947 mit seiner erschütternden KZ-Kantate "Ein Überlebender aus Warschau" für Sprecher, Chor und Orchester angestimmt: Dort hämmert ein Kommandant die Befehle in die Körper der Todgeweihten, die am Ende gerade noch den Choral "Schma Jisrael" auf Hebräisch singen können. Rzewski will eine ganz andere Musik, ihm genügen: ein Streichquartett und die nackten Stimmen von fünf Sängerakteuren, um das Furchtbare der Texte, Aussagen der Angeklagten, Zeugen und Richter im Auschwitz-Prozess, aufscheinen zu lassen. Was Rzewski nie wollte und will - emotional überrumpeln, in irgendeiner Avantgardehierarchie den experimentellen Zampano spielen.

Der amerikanische Komponist und Pianist Frederic Rzewski, Jahrgang 1938, spielt denn auch in gängigen Musiklexika oder auf CD-Listen kaum eine Rolle. Dafür ist er zu sehr Einzelgänger des musikalisch Neuen geblieben, eine Art Geheimtipp, ein sanfter widerborstiger Künstler, ästhetisch eigenwillig und politisch links, in keine Schublade einzuordnen. Umso beachtenswerter jetzt die Leidenschaft für ihn durch das Kunstfest Weimar, wo die Dramaturgin Martina Stütz den in Brüssel lebenden Komponisten und sein Musiktheater quasi im Alleingang aufgespürt hat.

Ein im weiten Sinn politischer Komponist, Nachfahr Hanns Eislers oder Luigi Nonos? Doch wohl. Rzewski hat in einem Vortrag einmal die für ihn typische Frage gestellt, ob die Neue Musik "mit normalen Menschen sinnvoll kommunizieren" könne. Er will es unbedingt - nur, die Musiktitel seine Werke sind allenfalls Spezialisten der Avantgarde geläufig. Aber durch eine einzige Komposition kam er in den letzten Jahren ins Gespräch auch mit dem "normalen" Publikum - die 36 Klaviervariationen über das Widerstandslied des Chilenen Sergio Ortegas "The People United Will Never Be Defaited", komponiert 1975, kurz nach der Ermordung Salvador Allendes. Marc-André Hamelin etwa spielt sie, der junge Russe Igor Levit hat das monumentale Stück "Das vereinigte Volk wird niemals besiegt werden" zu seinem Herzensanliegen gemacht. Und der Youtube-Kanal zeigt eindrucksvoll, mit welcher Geisteskraft der Komponist selbst das Stück spielt. Igor Levit fühlt sich durch diese Musik mit existentiellen Fragen konfrontiert: "Auf welcher Seite stehst Du? Darf ich im Elfenbeinturm verharren? Was mache ich überhaupt, und wie lebe ich eigentlich?" Rzewski widmete Levit einige seiner neueren, widerborstigen "Nanosonaten".

Dabei begann der in Westfield, Massachusetts, geborene Rzewski ganz akademisch "normal". Als Student hatte er in Harvard und an der Princeton University so namhafte wie konservative Komponistenlehrer wie Walter Piston und Milton Babbitt. John Cage und Christian Wolff interessierten ihn dann mehr. 1960 ging er nach Italien, studierte dort beim Komponisten Luigi Dallapiccola, dem flammenden Gefolgsmann Schönbergs. In Rom trat er in Verbindung mit dem Avantgardisten Franco Evangelisti, in dessen Improvisationsensemble er musizierte. und gründete dann mit zwei Landsleuten aus den USA eine eigene Gruppe improvisatorischen und elektro-akustischen Musizierens: "Musica Ellettronica Viva". Die Professur am Konservatorium im belgischen Lüttich hielt er bis 2003, Gastdozenturen führten ihn zurück nach Amerika, nach Holland, nach Berlin.

Rzewskis Radikalität kommt ohne Lärm aus, ist eher listig und freundlich. Dazu eine Episode: Komponist Dieter Schnebel erzählt, wie der junge Pianist Rzewski in Italien bei einer der ländlich-kommunistischen "Feste dell'unità" nur etwas Klavier im Freien spielen wollte, aber dann zur Unterhaltung der feiernden Leute einen Satz nach dem anderen von Beethovens gewaltiger "Hammerklaviersonate" hinwuchtete. Nachzulesen in der Sammlung von Rzewskis Schriften und Vorträgen (Musiktexte, 2007).

Die Radikalität von Rzewskis zweistündigem Oratorium "Der Triumph des Todes" liegt in der gleichsam ausgetrockneten Klanglichkeit der elf Szenen, in denen auf Basis der Aussagen im Auschwitz-Prozess der Weg der Häftlinge von der Ankunft auf der "Rampe" bis in die Gaskammern aufscheint. "Gesang vom Zyklon B" oder "Gesang von den Feueröfen" oder aber "Gesang von der Möglichkeit des Überlebens" heißen Abschnitte. Die Musiker des Amalia-Streichquartetts der Staatskapelle Weimar sorgen für eine unerhörte, zwischen Distanz und Empathie, Minimalismus und berstende Innenspannung liegende tönende Gratwanderung. Wobei Rzewski vor scheinbar banalen, umso schockierender wirkenden Kontrasten nicht zurückschreckt: Wenn der Gang in die Gaskammern gesprochen und gesungen wird, erklingt ein Country-Song mit Banjo-Spiel in Variationen. Und beim "Gesang vom Ende der Lili Tofler" singen Darsteller Fetzen von "Die Gedanken sind frei". Ein performativer Hörraum entsteht: Manchmal stampfen die vier Spieler mit den Füßen, werden Stühle zertrümmert.

So großartig konzentriert die Musik unter dem Dirigenten Martin Hoff klingt, so nüchtern arbeitet die Regie von Alexander Fahima auf kleinem Podium (Julia Schnittger), auf dem in der Choreografie von Dorothea Ratzel fünf Darsteller in lebhaften Bewegungsvarianten Spannungen erzeugen. Die Aufführung gelingt wie aus einem Guss - und ein 78-jähriger "neuer" Komponist wird gebührend gefeiert.

Rzewskis oratorisches Musiktheater, und das macht noch heute seine Brisanz aus, versteht sich als Kritik an den gesellschaftlichen Zuständen, die Auschwitz erst ermöglicht haben. Was der Komponist bei der Diskussion nach der Aufführung im Weimarer "Schießhaus" sagt, belegt seinen hellsichtigen, skeptischen Blick auf die Welt von heute, in deren Gefüge er die Rolle des entfesselten Kapitalismus als todbringendes Prinzip erkennt: "Das Morden ist nicht zu Ende, die Kriege, die Opfer sind global."