Musiktheater Gefangen im Gespinst

Rasanter Präzisionsmechanismus: Patrick Nellessen, Vanessa Eckart und Nick-Robin Dietrich (von links) spielen mit, um und in der einfachen aber dynamischen Bühnenkonstruktion.

(Foto: Jean-Marc Turmes)

Philipp Moschitz inszeniert "Alice" von Tom Waits und Robert Wilson und beschert dem Metropoltheater den nächsten Hit

Von Egbert Tholl

Es ist eine wunderbare Koinzidenz, dass am Tag, an dem der Stadtrat die Erhöhung der Förderung für das Metropoltheater beschließt und dieses aus dem normalen, von einer Jury gemaßregelten Fördersystem herausnimmt, dort eine Produktion Premiere hat, die eine lange Tradition des Hauses fortsetzt. Die Tradition des Zaubers, des Entführens in ferne Welten. Alltag haben wir alle, für das andere gehen wir ins Metropol. Außerdem: Eröffnet hat sein Theater Jochen Schölch mit seinem legendären "Black Rider", 1998 war das. Später überarbeitete er die eigene Inszenierung, inszenierte dann auch "Woyzeck". Nun vollendet Philipp Moschitz die fabelhafte Trilogie, mit der Tom Waits und Robert Wilson zeigten, dass es noch eine ganz andere Art von Musiktheater geben kann. Nicht Musical, nicht Oper, nicht Liederabend, sondern eine eigenwillige Symbiose aus Poesie und Psychologie, aus Alp- und Tagtraum.

"Alice" ist von der Musik und auch von der Aufbereitung der Geschichte her der Nachtmahr der Trilogie. Die anderen beiden Teile zeigen auch, dass man mit nicht lustigen Stoffen grandiose Unterhaltung machen kann; aber "Alice" ist fieser, ein Gespinst, auch ohne Teufel abgründig. Und sehr klug. Ja, vielleicht kann man eh sagen, dass dies die beste Version ist, um Lewis Carrolls "Alice in Wonderland" auf die Bühne zu bringen. Weil Waits und Wilson den Autor mit ins Spiel bringen, Charles Dodgson, der als Lewis Carroll seine Geschichten schrieb, der von dem Kind Alice Liddell hingerissen war. Nun hört man den feinen Bären Thomas Schrimm mit knarrendem, heiseren Waits-Gesang und sieht ihn und sieht Vanessa Eckart, die Alice, in einem Zwischenreich der Anziehung, frei von Lust, aber voller Faszination.

Philipp Moschitz gelingt der Zauber des Schwebens. Und fasziniert lässt sich Alice in dieser seltsamen Welt von Carroll oder Dodgson oder dem weißen Kaninchen erfinden. Vanessa Eckart ist die Alice, die der aktuellen Resi-Produktion fehlt, sie hat eine reizende Freundlichkeit und eine wesenhafte Ruhe, singt wunderschön und geht mit einer Alice-Puppe spazieren, als wäre sie mit der verwachsen. Mit der Puppe spielt sie den Körper, ihr Gesicht ist die poetische Erzählung, der man stundenlang zuhören könnte. Am Ende geht ihre Alice freudig und selbstbestimmt in Carrolls Welt auf.

Davor jodelt das musikalische Bühnentier Maria Hafner als Theresa May, äh, als Königin, ist Nathalie Schott ein lustvolles Versprechen und voller Gesang, machen Nick Robin Dietrich, Sebastian Griegel und Patrick Nellessen sehr aberwitzige Dinge. Alle sind viele Tiere, Blumen, Figuren, erschaffen aus der Kraft der Fantasie, aus einem Traum heraus, wunderbar analog.

Die Bühne ist ein tolles Konstrukt, eine senkrechte Drehscheibe, die die Darsteller immer wieder abenteuerlich bevölkern. Moschitz schafft, trotz aller tausend Einfälle, einen von Katja Wachter choreografierten, rasanten Präzisionsmechanismus, der immer innehält, wenn die fünf Musiker im dunklen Bühnenhintergrund nicht nur Atmosphäre schaffen, sondern die Songs spielen, die verbeulten Nachtschattengesänge zwischen Vaudeville, Zirkus und Abgrund. Nach der Pause feiern alle kurz ein Ausbrüchle, zeigt Moschitz mit einem "Raining-men"-Ballett von Ministranten auf der Flucht, was Missbrauch sein könnte. Aber Alice bleibt geschützt im Traum, und Vanessa Eckart lächelt ein zartes Leuchten.

Alice, bis Ende Januar, Metropoltheater