"Die Einnahmen aus dem Live-Bereich können die Verluste bei den CD-Verkäufen nicht wettmachen", sagt Severin Most, der Konzerte für die Bands des angesehenen Berliner Independent Labels Cityslang bucht. Seit Anfang des vergangenen Jahres hat auch Cityslang eine eigene Booking-Agentur.
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"Der Live-Boom ist nur herbeigeredet"
Das Modell, nicht nur die Platten von Musikern zu veröffentlichen, sondern sich auch um die Konzerte, die Fanartikel, die Vermarktung und die Verwertung der Rechte zu kümmern, ist nicht neu. Schon vor zehn Jahren gründeten die deutschen Hip-Hop-Pioniere Die Fantastischen Vier neben ihrem Label Four Music die Booking-Agentur Four Artists. Das kleine Hamburger Label Tapete kümmert sich seit 2003 auch um die Tourneen seiner Künstler.
"Wir müssen Bands diesen Service bieten, damit sie überhaupt zu uns kommen", sagt Severin Most von Cityslang. Der Rundumservice inklusive Tournee, Bandbus und Tourbegleitung, den Cityslang anbietet, soll dazu dienen, junge Künstler langfristig aufzubauen. Um einen Anteil am Live-Umsatzkuchen gehe es nicht. Zu Konzerten von Bands wie Malajube aus Montreal oder Caribou aus der Nähe von Toronto, die 2007 mit ihren Debütalben sowohl im Netz als auch in Magazinen große Aufmerksamkeit erregten, kommen bisher nur wenige hundert Zuschauer. "Der Liveboom ist nur herbeigeredet", sagt auch Frehn Hawel von der Konzertagentur Jahnke. Es werden insgesamt mehr Tickets verkauft, weil immer mehr Bands live spielen, die einzelnen Acts verkaufen jedoch weniger Karten.
Neben der großen Konkurrenz sind aber vor allem die verkürzten Halbwertszeiten für angesagte Bands das Problem. Alle paar Wochen wird über Internet-Plattformen wie Myspace oder Musik-Blogs wie Hype Machine ein neuer Künstler als bedeutende Neuentdeckung gepriesen. Und die großen Plattenfirmen nehmen sie sofort unter Vertrag. Die Black Kids aus Florida etwa spielten im Oktober beim New Yorker "CMJ Music Festival" ihren ersten Auftritt außerhalb ihrer Heimat Florida, wurden aber bereits von Quest Managment vertreten - dem Management von Stars wie der Pop-Sängerin Björk oder der kanadischen Rockband Arcade Fire.
Rasende Trendwechsel
"Bands wird heute kaum mehr Zeit gegeben, sich in Ruhe zu entwickeln", kritisiert Most. "Dass wir zur Zeit so viel gute Musik aus Kanada hören, liegt einfach daran, dass da in den letzten zehn Jahren niemand hingesehen hat." Für die Überflieger des vergangenen Jahres, Arcade Fire, deren Kultstatus sich vor allem auf die Live-Auftritte der Band gründet, hat sich lange niemand interessiert. Mittlerweile spielen sie in ausverkauften Konzerthallen vor 4000 Besuchern.
Durch die neue Schnelllebigkeit ist es für Veranstalter schwieriger geworden, die Zugkraft einer Band einzuschätzen. Zum Konzert der jungen, bislang nur im Netz publizierenden Pariser Sängerin SoKo in Berlin kurz vor Weihnachten kamen aus dem Nichts mehr als 500 Zuschauer. Künstler wie Jens Friebe, dessen Platten im Herbst 2007 hoch gelobt wurden, spielen vor nicht einmal hundert Fans. Zu Rooney aus Kalifornien, deren Single "When Did Your Heart Go Missing" ein beachtlicher Independent-Hit war und sogar im Mainstream-Radio lief, kamen statt der erwarteten 800 mitunter kaum 400 Zuschauer.
Auch deutsche Erfolgsbands wie Wir sind Helden oder der Reggaekünstler Gentleman sind keine Selbstläufer mehr. Statt der durchschnittlich 6000 Zuschauer, die bei den Vorgänger-Tourneen in München in die Konzerte strömten, kam 2007 nur die Hälfte. Konzerte von Bands wie Silversteen wiederum oder die der seit 20 Jahren bestehenden Progressive-Metal-Band Dream Theater waren ausverkauft, obwohl sie in der Popmusik-Öffentlichkeit so gut wie nicht besprochen wurden.
Wenn aber selbst die vermeintlichen Zugpferde der Branche nicht mehr genug Musikfans anlocken, wird das Risiko für die Veranstalter, kleine und unbekannte Bands in ihren Clubs spielen zu lassen immer größer. Konzerte mit 50 Zuschauern sind keine Seltenheit. Um die Kosten für Raummiete, Plakate, Kasse, Tonanlage und die Unterkunft der Band aber auch nur annähernd decken zu können, müssen in der Regel mindestens 150 Zuschauer kommen.
Nicht wenige Bands ergreifen deshalb die ideologisch schmerzfreie Flucht nach vorn und versuchen sich neue Märkte zu erschließen. So spielte die im Grunde eher mittelbekannte New Yorker Rockband Yeah Yeah Yeahs im vorigen Oktober vor 10 000 Zuschauern auf einem Festival in Peking. Ein paar Tage zuvor hatten die Crossover-Veteranen Linkin Park ein chinesisches Stadion mit 25 000 Menschen gefüllt. Auch Sonic Youth spielten bereits in China, ebenso wie die Nine Inch Nails, selbst Musikeragenten und Ticketvermarkter wie die mächtige amerikanische Firma Ticketmaster haben inzwischen chinesische Büros eröffnet. Sogar das Quartett Birthday Boyz aus Brooklyn, das im Westen nur in winzigen Clubs spielt, tourte zwei Wochen erfolgreich in China.
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(SZ vom 11.1.2008/kur)
Staatsbesuch in Israel
Na endlich kann ich da nur sagen, das dieser "Blender-Industrie" die
rote Karte gezeigt wird.
Über kurz oder lang werden nämlich nur die Artists überleben, die auch
genügend Hintergrund haben, um den Tounee-Alltag durchzustehen.
Dann braucht man sich hoffentlich nicht mehr das Geseihere von
"Möchtegern-Künstlern" zuzumuten.
Aber das bleibt wohl eine Sache des Geschmacks.
Jedenfalls wird die Messlatte damit um einiges höher gelegt!
Gut so! Gut so!
eigentlich ein kluger und gut recherchierter Artikel, dem aber doch ein paar Details abgehen.
Dass deutsche Artists wie WSH und Gentlemen mit ihrer letzten Tour floppten lag ja wohl auch an höchstens mittelmäßigen Alben die der Tour vorausgingen. Deshalb ist es auch nur bedingt richtig, dass CD Veröffentlichungen keine Rolle mehr spielen. Gerade abseits des mainstreams interessiert sich ein durchaus fachkritisches Publikum schon noch für Inhalte und nicht nur Effekte. Denn in den vielbeschworenen Abgründen des Internet lassen sich nicht nur kurzfristige Hypes produzieren, sondern eben auch gnadenlos Flopps millionenfach besichtigen. Es braucht also gar keine Megaumsätze beim CD Verkauf um einschätzen zu können, ob der jeweilige Künstler noch eine message hat oder nur noch schlechten Duddelpop abliefert.
Ein weiterer Aspekt der übersehen wurde, sind die deutlich steigenden Besucherzahlen bei vielen Open Air Festivals. Nach langer Durststrecke erlebt ROIP und ROAR sowie southside, aber auch viele kleinere spziallisierte Festivals einen regelrechten Besucheransturm. Warum? Sicher auch, weil dort mit vielen Bands zumindest gesichert ist, dass wenigstens der Ein oder Andere eine anständige Performance bietet. Zudem sind die Eintrittspreise mit bis zu 150 zwar hoch, verglichen mit den genannten Ticketpreisen für sogenannte Superstars im Einzelkonzert aber durchaus fair.
Zudem selektieren die kids wesentlich stärker. Es wird für ein Festival richtig Geld ausgegeben, aber es werden dafür weniger Festivals pro Saison besucht. Das führt zu dem schönen Umstand, dass Festivaanbieter heute wesentlich mehr an Bands und Ambiente bieten müssen.